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Seite:Die Gartenlaube (1855) 639.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855)

von sechs Fuß erreicht haben, zerschnitten werden. Die Schnitte werden nun zwischen kleinen Furchen auf die hohen Kanten gelegt (mit Ausnahme der Blätter), mit etwas Erde überstreut oder überhackt. Bei regnigem Wetter fassen die Schnitte sofort Wurzel, ohne Regen müssen sie begossen werden, bis die Wurzelung anfängt. Nach 15 bis 20 Tagen fangen die Wurzeln an, sich zu Früchten auszubilden. Gleichzeitig bilden sich Seitenschößlinge, die sorgfältig wiederholt abgebrochen werden müssen, wenn die Wurzeln gut gedeihen sollen. In der Regel bildet jede Pflanze zwei bis drei Rhizomen oder Wurzelknollen. Diese sehen äußerlich kartoffelartig grau oder bräunlich aus und schließen eine weiße, opalinische, sehr leicht zerreibliche, etwas milchige, cellulöse Masse ein,die gekocht eben so leicht trocknet, wie die Kartoffel, mit der sie im Geschmack verwechselt werden kann. Deutschland, versuche und koste Du auch!

Man kann ja auch aus derselben Quelle gleich dazu trinken, wenigstens chinesischen Spiritus. Die aus China nach Frankreich gebrachte und dort seit mehreren Jahren, in England seit einem Jahre, kultivirte Pflanze, welche die Botaniker „Holcus saccharatus“ nennen, enthält 181/2 Procent Zucker, mehr als die Runkelrübe. Man gewinnt den Zucker eben so, wie aus dem Zuckerrohre; aber in der Regel bleibt bis jetzt beinahe ein Drittel unkrystallisirbar (unter nördlichen Breitegraden). Diese Zuckermasse, die sich nicht fügen will, wird nun mit Vortheil in die Zauberapparate des Destillateurs gebracht, wo sie sofort sehr freigebig zu Alkohol wird, und zwar besserem Alkohol, als die berüchtigte Kartoffel liefern kann.

Der Franzose Vilmorin gewann aus 40,147 Pfund Runkelrüben 1927 Pfund Zucker – das ist der Durchschnittsertrag per Acker. Dieselbe Quantität giebt 120 Gallonen Alkohol, dieselbe Quantität Holcus aber 182 Gallonen, 60 Gallonen mehr per Acker. Als Trinkpflanze erscheint daher Holcus saccharatus besonders acceptabel. Sie wird in der That als neuer Weinberg empfohlen, nachdem der Weinstock angefangen hat zu kränkeln wie die Kartoffel. M. de Beauregard brachte eine Quantität Holcus durch Abfälle von Trauben in Gährung und erhielt einen vorzüglichen Alkohol, der in Marseille enthusiastisch gekauft ward. Dr. Turrel, der englische Chemiker, erklärte, daß Holcus saccharatus der beste Stellvertreter des Weinstocks sei, indem nicht die Trauben, sondern der gegohrene Rebensaft bei edleren Naturen in Betracht komme. Was kann man mehr verlangen? Nichts! Und doch ist Holcus saccharatus zugleich noch ein anderer, noblerer Retter in der Noth – an Lumpen, die besonders in England groß ist. Die entzuckerte Masse liefert noch das beste Material für Papier. Zu guter Letzt ist’s auch noch das encouragirendste Pferdefutter. In Indien füttern die Engländer allemal ihre Jagd- und Rennpferde mit grünem oder geheutem Holcus, welche dann doppelt so viel leisten, als bei üblichem Futter.

Das sind einige Andeutungen von der Freigebigkeit und dem Reichthume der Natur, aus welchem die Menschen immer Fülle und Freude gegen Noth und Elend schöpfen könnten, wenn sie sich nicht zu sehr zu Gewohnheitsthieren gemacht hätten. An Manchem wird ein halbes Jahrhundert vorübergehen, ehe er zugiebt, daß noch ein Leben ohne Kartoffeln möglich, oder ein Festessen ohne Rebensaft anständig sein könne. Wer aber eine Hand und einen Kopf dazu hat, wird gleich be- und zugreifen.




Englische Tortur in Indien

und gegen einen deutschen Glaubensartikel.
Von Beta in London.

Im englischen Ostindien sieht’s jetzt entsetzlich aus. Wir glaubten so lange, daß die Engländer diese hundert Millionen brauner und goldrother, friedlicher Bewohner des alten Kultur- und Wunderlandes nur deshalb unterjocht hätten und weiter unterwürfen, um sie glücklich zu machen, um die Segnungen der „Civilisation“ auch über das umnachtete Asien auszubreiten. Wir Deutsche glaubten überhaupt von jeher ganz sonderbare, sogar sehr abgeschmackte Dinge; wir Deutsche glauben auch jetzt noch trotz aller Aufklärung und Wissenschaft an sehr unreale und blos in unsern Ideal- und Sauerkrautsträumen existirende Dinge, wir glauben an alles Mögliche, nur nicht an – uns. Politisch glaubten wir früher an Frankreich, dann einmal ein Paar Monate lang an Ungarn, später an die Türken und jetzt glauben wir an England, weil sonst nichts mehr übrig ist. Die deutschen Correspondenten aus London wollen zwar ihren Landsleuten diesen letzten Glauben auch nehmen, aber da kommen sie schön an. Gerade dieses Räsonniren auf England bestärkt den deutschen Glauben an Englands und Frankreichs „gute Sache“, die nothwendig gut sein muß, weil allem Anschein nach Krieg gegen Rußland mit dieser „guten Sache“ geführt wird. Wer England nicht liebt, nicht auf England hofft, nicht an England glaubt und gar diesen Glauben, diese Liebe, diese Hoffnung zerstören will, ist ein russischer Agent, den wir aufhängen werden, wenn wir mal erst wieder „angefangen“ und ihn kriegen. Ich für meinen Theil bin überzeugt, daß ich meinen Kopf nicht in eine Schlinge stecken müssen werde, obgleich ich jetzt wie ein russischer Agent schreibe, denn, wenn Deutschland einmal wieder angefangen haben sollte, hat dieser Glaube längst aufgehört. Wenn man von England aus nicht blos um’s liebe Brot schreiben will und noch ein Bischen alte Liebe für das alte, liebe Mutterland fühlt, und gern etwas zu dessen Heil beitragen möchte, kann man unter den jetzigen Umständen nicht diese erste und heiligste Pflicht los werden, die Pflicht, Deutschland von dem Glauben an England, d. h. an Englands Politik für die „Freiheit“ curiren zu helfen. Im Allgemeinen haßt jeder brave Deutsche die russische Politik, und das mit Recht, aber sie ist anständig, verglichen mit der englischen, besonders Palmerston’schen und auswärtigen überhaupt. Rußlands Politik ist bei aller vermeintlichen Tiefe und Unergründlichkeit doch sehr einfach: sie verfolgt mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln das Interesse Rußlands, welches speciell darin besteht, das Meer zu erreichen, sich das baltische und schwarze Meer, die beiden Herzkammern seines modernen, mercantilen Blutumlaufs zu sichern. Englands Politik ist auch speciell eine Interessen-Politik genannt worden. Das ist nicht wahr. Die englischen Diplomaten, besonders Palmerston, haben unendlich oft sehr grob gegen das Interesse Englands Rußland unterstützt, alles Mögliche im Auslande gegen Englands Interesse unterstützt, alles Mögliche gegen Englands Interesse im Auslande unterdrückt oder lächelnd und lügnerisch umkommen lassen, ganz speciell alle deutschen Freiheits-, Hoffnungs- und Glaubensartikel.

Aber an etwas muß der Deutsche doch glauben! O gewiß! Ganz im Ernste. Ich empfehle ihm daher einen ganz soliden, in der Wolle gefärbten Artikel den Glauben an sich, den Glauben an Deutschlands Wissenschaft, Ehrlichkeit, Fleiß, Geschicklichkeit, Poesie, Literatur, Gemüthlichkeit, an Deutschlands Zukunft, an Deutschlands große Mission für die erdumlaufende Weltkultur, für den Krieg auch an Deutschlands Siegeskraft gegen Rußland; aber laßt mir um Gottes Willen England dabei aus dem Spiele, denn ein Tropfen davon könnte euch den ganzen Originalartikel verderben. Englands Politik ist auch deshalb viel fauler und ungeeigneter zu einem deutschen Glaubensartikel, weil sie viel barbarischer ist als die russische. – Was? Ja, nur ein Agenblickchen deutsche Geduld, es fängt nun erst an, nämlich der Beweis für obige, erzketzerische Behauptung.

Wir wollen nicht die bösen Geister aus der englischen Politik gegen Wales und Ireland, gegen das ehemalige Amerika, gegen China, gegen die Kaffern u. s. w. citiren (jede Kolonie liefert mehr Beweise als wir brauchen), nur Indien, welches mit seinen jetzigen kannibalischen Revolutionen gegen die englische Politik gerade in das Tagesinteresse fällt, soll uns einige Thatsachen aus Aktenstücken liefern.

Wir haben gehört und gelesen von der entsetzlichen Tiger- und Hyänenwuth, mit welcher die Saathalen aus den Bergen am Ganges hervorstürzten, und ganze Gegenden mordend durchrasten, ohne ein Haus stehen, ohne nur ein einziges Kind oder Weib am Leben zu lassen. Wir wissen, daß sie noch ganze Strecken von hundert und mehr Meilen durchtoben. Auch die Rohilla’s an den Grenzen des Punjab haben wieder Revolution angefangen. Dazu

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855). Leipzig: Ernst Keil, 1855, Seite 639. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1855)_639.jpg&oldid=- (Version vom 1.8.2023)