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Seite:Die Gartenlaube (1855) 570.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855)

schnell den Schauder, der ihr durch die Glieder rieselte und fuhr fort: „Wisset, ich bin die Mörderin meines Gatten!“

Vor dieser entsetzlichen Selbstanklage entrang sich jeder Brust der Anwesenden ein banger Schreckenslaut – aber Frau von Dießbach richtete sich höher auf und sprach: „Nicht in dem Sinne, wie es die Welt versteht! Meine Hand, wie mein Wille, ist schuldlos an dem, was mir die allgemeine Stimme der Welt heimlich und vernichtend zur Last gelegt hat – aber dennoch habe ich meinen Gatten getödtet durch Gift im Geiste, bis er es nicht mehr ertragen konnte. Hier, hier auf derselben Stelle, die jetzt mein Fuß entweiht, hat er geendigt – durch eigene Hand! Was ihn so weit getrieben hat, darf ich nicht wiederholen: selbst Dir, mein Guido, habe ich es bekannt, und nur Du allein, Du meine arme unschuldige Pauline, Du ahnst nicht, was Deine Mutter, ehe sie Dir das Leben gab, verschuldet hat. – Doch,“ fuhr sie mit erhöhter Stimme fort, „wenn ich auch dem Manne, dem ich Treue geschworen, und der mich trotz seiner strengen Behandlung mit einer Leidenschaft liebte, welche er durch seinen freiwilligen Tod bekundet hat, wenn ich ihm auch im Herzen meine Treue gebrochen – was die Welt erst einen Treubruch nennt, dessen war ich unschuldig, Gott ist mein Zeuge! Als aber keine Schranke mehr zwischen mir und Demjenigen stand, dem ich trotz meiner Gelübde mein Herz geweiht – “ hier traf ein Blick voll alter Innigkeit auf Stargau, der erschüttert vor ihr hätte auf die Knie sinken und sie um ihre Verzeihung anflehen mögen – „da reichte ich ihm die frei gewordene Hand in heimlicher Ehe, vor Gottes Altar durch kirchlichen Segen verbunden. Ja, Kuno, hier lege ich Dir die Urkunde auf Dein Bett, daß Du die Schande von meinem Haupte nimmst, wenn ich geschieden hin, und einen Zeugen, der unserer Vermählung beigewohnt, habe ich Dir auch bestellt, er wird morgen vor Dir erscheinen. – Wir lebten heimlich verbunden, denn ich hatte den Muth vor der Welt nicht, zu bekennen, was frühere Verläumdung bestätigt haben würde – und als mein zweiter Gatte die Gegend verließ, folgte ich ihm auf weiten Reisen und vergaß im Rausche eines kurzen Glücks Alles, was ihm vorangegangen war. Ueber Deine Geburt vor Allem, meine innige Pauline! Aber – in mir erwachte es bald wieder und mit fürchterlicher Macht des Gewissens wuchs es täglich drohender, vernichtender in mir an, ließ mir kein Ruhe mehr, trieb mich wieder heim zur Stätte, wo ich Gott und dem Gatten meine Gelübde gebrochen, wo ich ihn – gemordet hatte. Mich überraschte es nicht, daß ich der Welt gebrandmarkt erschien, sie hatte ja Recht! Ich legte mir als Buße auf, den Fluch der Mörderin zu tragen – das habe ich gethan bis jetzt – ich trennte mich freiwillig von Mann und Kind – ich erduldete von Dir, Deines Vaters vollkommenem Ebenbilde, jedes Zeichen der Abneigung und des Verdachtes! Was ich sonst noch über mich und mein Leben – sie unterbrach sich selbst, als sie die Hand und das Auge ihrer alten Dienerin voll flehentlicher Beschwörung erhoben sah. „Genug von mir! Vor Kurzem erst, nachdem ich jede Kunde von meinen Entfernten unmöglich gemacht, kehrten sie, meinem Willen entgegen, hierher zurück; dort, mein Gatte, meine Tochter und die treue Frau, welcher ich die Pflege ihrer Jugend überlassen hatte – und nun, Kuno, sage mir, was Du thun willst."

„Mutter, Mutter! Frieden über uns Alle!" rief Kuno.

„Amen!" sagte Frau von Dießbach. – „Lebt denn wohl, ich gehe, einsam zu sterben – denn ich erlebe das heilige Fest der Weihnacht nicht mehr. – Bestürmt mich nicht, stillt Eure Bitten und Thränen, hier ist keine Ungewißheit, keine Wahl: meine Tage sind längst schon gezählt, fragt auch weiter nicht, betet für mich, und laßt mich in Frieden scheiden. Meine Buße wird bald erfüllt sein, mein Segen bleibt Euch zurück! Dir, mein Gemahl, habe ich die Zukunft sichern können, unser Kind lege ich an Deine Brust – Du, meines ersten Gatten Sohn, fluche meinem Andenken nicht! Und, Guido, mein geliebtes Kind, das seinen Vater durch mich verloren und nie gekannt hat – ihre Stimme brach, Guido sank heiß weinend an ihr Herz; sie liebkoste ihn stumm und legte segnend ihre Hände aus sein Haupt. Dann raffte sie ihre Kraft wieder zusammen:

„Frieden über uns Alle!" sagte sie feierlich und wandte sich zum Scheiden.




Die Versöhnung Friedrich II. mit seinem Vater.

(mit Abbildung.)

Nachdem bereits vor einigen Jahren eine in Text und Illustrationen ausgezeichnete Geschichte Friedrich des Großen von Kugler und Menzel erschienen war, welche überall die Anerkennung fand, die sie mit Recht in Anspruch nehmen konnte, hohen es neuerdings die beiden Verleger, Herr G. Wigand in Leipzig und W. Herz in Berlin unternommen, ein gleiches Unternehmen unter dem Titel: „Friedrich der Große, für das deutsche Volk dargestellt von Ludw. Hahn,“ zu veröffentlichen. Was den Text anlangt, so liegen uns augenblicklich nur zwei Lieferungen vor und läßt sich deshalb über den Werth der Darstellung ein vollgültiges Urtheil noch nicht abgeben, die Illustrationen dagegen, meist von dem bekannten Historienmaler Camphausen in Düsseldorf gezeichnet und von Bürkner in Dresden in Holz geschnitten, sind in der That kleine Meisterstücke, die den beiden genannten Künstlern durchweg zur Ehre gereichen.

Wir sind in den Stand gesetzt, eine dieser Illustrationen: „Die Versöhnung Friedrich II. mit seinem Vater“ unsern Lesern vorzuführen, wobei wir indeß zu berücksichtigen bitten, daß bei der großen Auflage unsers Blattes nicht mit der Vorsicht und Aufmerksamkeit gedruckt werden kann, die nöthig ist, um alle die Schönheiten eines künstlerisch ausführten Holzschnittes wiederzugeben. Der Künstler hat den Augenblick gewählt, in welchem Friedrich der Große beim Vermählungsfest seiner Schwester Wilhelmine, an der Hand der jugendlich schönen und liebenswürdigen Prinzessin zum ersten Male seinem Vater wieder gegenübertritt, der ihn in Folge der schwesterlichen Fürbitte um freundlichen Worten empfing, während Friedrich ernst und kalt blieb. Die Scene, welche am Hof damals alle Anwesende zu Thränen rührte, beschreibt die geistreiche Prinzessin in ihren Memoiren sehr ausführlich und mit vieler Wärme.




Das Stimmorgan bei Mensch und Thier.

Das Stimm- und Singorgan des Menschen heißt der Kehlkopf oder Larynx; es ist zugleich auch der Pförtner und Wächter der Athmung, indem es seine Lage hinter und unter der Mund- und Nasenhöhle am obern Ende der Luftröhre so einnimmt, daß alle Luft, welche in die Lungen hinein gelangt und aus denselben herauskommt, durch dasselbe hindurchströmen muß. Gegen das Eindringen schädlicher Luft und fremder Stoffe sucht sich der Kehlkopf durch Verschließen seiner Oeffnung (der Stimmritze), sowie durch Hustenkitzel und Husten zu schützen. Außen am Halse ist derselbe, zum Theil von der Schilddrüse (deren Anschwellung den Kropf bildet) bedeckt, an einer Hervorragung, die besonders beim männlichen Geschlechte sehr deutlich hervortritt und Adamsapfel genannt wird (als ob dem Adam der Apfelgröps oder Kriebs in der Kehle stecken geblieben wäre), leicht zu erkennen und bei seinen Bewegungen während des Schluckens gut zu fühlen.

Der Kehlkopf besteht aus einem festen, aber elastischen, knorpligen Gerüste, welches aus mehreren, durch Bänder mit einander verbundenen und durch mehrere kleine Muskeln zu bewegenden Knorpeln zusammengesetzt ist; es stellt eine ungleich viereckige, nach oben und unten offene Büchse dar, die in ihrem Innern mit einer sehr gefäß- und nervenreichen Schleimhaut ausgekleidet und von zwei Paar, von vorn nach hinten ausgespannten Strängen, d. s.

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855). Leipzig: Ernst Keil, 1855, Seite 570. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1855)_570.jpg&oldid=- (Version vom 22.7.2023)