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Seite:Die Gartenlaube (1855) 562.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855)

die Entscheidung zur Folge, daß die verlangte Ergänzung allerdings unnöthig sei! Daß dieser Verweis und die Entscheidung, „ob die Angabe der Dimensionen, der Innhölzer, Deckbolten, Balkweichern, der innern und äußern Haut, der Knieen, Schweine, Kimmplanken, kupfernen und eisernen Verboltungen, der Ankergewichte u. s. w.“ zur wesentlichen Beschreibung eines zum Kauf angebotenen Schiffs gehöre, nicht ein Gegenstand war, den der Bundestagsausschuß zu entscheiden sich auch nur berufen finden konnte, ist klar. Verweis und Entscheidung konnten nur von den berathenden Technikern ausgegangen sein. Hatten aber diese Techniker, denen mit dem Absegeln des letzten Flottenschiffes das veteres coloni migrate! mit Flammenzügen in der Perspektive stand, einen sonderlichen Beruf, meinen raschen Eifer zu fördern? Wäre es ein Unglück gewesen, wenn durch diese vermeintlich unnöthigen Einschiebsel die gedruckte Beschreibung um dreißig Zeilen länger geworden wäre? Gewiß war dieses kein Grund, um ein so wichtiges Geschäft Monate lang zu verzögern. Es blieb eben nicht bei dieser Zänkerei. Es handelte sich weiter von einer Uebersetzung dieser Beschreibung. Nach der Natur der Sache konnte diese nur ein der technischen Schiffssprache kundiger Marinier machen. Der Admiral Brommy war der französischen wie der englischen Sprache kundig, dennoch verweigerte er mir die Uebersetzung als einen nicht zu seiner Funktion gehörigen Gegenstand. Ich ersuchte ihn, durch einen seiner Seeoffiziere diese Arbeit anfertigen zu lassen (sie erforderte einen Umfang von einem gedruckten Viertelbogen). Er erklärte mir: keiner derselben sei dieser Arbeit gewachsen! Dies mußte mich zu einer neuen Beschwerde bei dem Bundestagsausschuß veranlassen. Unter den Seeoffizieren befanden sich notorisch mehrere, welche Französisch und Englisch als Muttersprache redeten; ich nannte die Aeußerung des Admirals ein ungegründetes Armuthszeugniß, welches er seinem Offiziercorps ausstellte. Abermalige Abweisung! Der Admiral habe ganz recht, daß er sich dieser Zumuthung entzogen habe! Dieser Competenzstreit verzögerte das Geschäft abermals um vierzehn Tage, und kosteten diese Häkeleien der Techniker dem Bundesärar mindestens 50,000 Gulden. Endlich gelang es mir, in Bremen für schweres Geld einen Uebersetzer zu finden, aber dieses Herumziehen und die Verzögerung des Drucks hatten eine neue Verschleppung zur Folge.

Ich hatte gleich Anfangs darauf aufmerksam gemacht, wie es doch zu gar nichts dienen könnte, das Marinerechnungswesen in dem minutiösen Detail, wie es das Intendanturregulativ vorschrieb, fortzuführen, solches vielmehr ganz fallen zu lassen, und nur auf die Untersuchung sich zu beschränken, ob die Zahlmeister an die Marinekasse noch etwas zu fordern hätten, oder in dieselbe schuldeten, oder sonst erhebliche Unterschleife sich herausstellten. Der Marineintendant gestand zu, daß auf diese Weise freilich binnen drei Tagen die ganz Sache abgethan werden könne. Mein Antrag wurde gleichwohl verworfen und mir zu verstehen gegeben, daß ich mich um den Verkauf der Schiffe und sonst um nichts zu bekümmern habe. Von der Einmischung in das Rechnungswesen hielt man den Bundescommissair ohnehin fern. Von den größeren Kaufleuten kann ich nichts Anderes sagen, als daß sie mich mit allem kaufmännischen Anstande behandelten. Es bot mir keiner eine Bestechung an, wohl aber fixe Provisionen als Stillcompagnon von 2000 Thlr. bis zu 1500 Pfd. Sterling.

Die kurzgebundene Zurückweisung konnte natürlich die Achtung für mich nicht erhöhen, sie bestätigte in den Augen dieser Herren ja nur den Verdacht, daß aus Dr. Engelkens oberneuländer Irrenanstalt wohl noch etwas in mir zurückgeblieben sein möchte. Je mehr ich mich aber nun dem Ziele näherte, und durch das Verschwinden der Flottenschiffe die Leute gewahr wurden, daß es mit der Sache ein Ernst war, und ich ihnen die melkende Kuh wirklich entführt hatte, um so zügelloser wuchsen die Aeußerungen des Hasses von allen Seiten. Mochte ich mich auch trösten, daß derselbe nicht meiner Person, sondern meinem Repräsentativ-Charakter galt, und mir Niemand widersprochen haben würde, wenn ich die eigenthümlichen Sentiments eines verehrungswürdigen Publikums meinen hohen Committenten in getreuer Berichterstattung hätte transferiren wollen, so glaubte ich wenigstens darin eine Anerkennung von der hohen Behörde mir zu verdienen, daß ich diese Rücksichtslosigkeiten mit stolzem Gleichmuth, ohne ihr mit unliebsamen, persönlichen Reklamationen lästig geworden zu sein, auf mich nahm. Selbst die Behörden suchten etwas darin, das System der Gleichheit vor dem Gesetz im ächten Republikanersinn nicht minder schroff, als die koburger Kriminalbehörde zu großem Beifall ihrer gleichgestimmten Bürger an den Bundestagsrepräsentanten zur Geltung zu bringen.

Bei einer gerichtlichen Verhandlung in einer Bundescommissariats-Angelegenheit wies man mich in das Gerichtsvorzimmer als Wartezimmer. Alle Bänke waren mit einer sehr gemischten Gesellschaft von Matrosen, Handwerksburschen und einer Dame derselben Classe besetzt. Das höfliche Erbieten eines freundlichen Matrosen, mir altem Manne seinen Sitzplatz zu überlassen, konnte von mir in geziemender Bescheidenheit nicht angenommen werden, und so hatte ich die Wahl, mich in die Vorhalle neben den nicht minder freundlichen Kettenhund oder auf der Straße zu placiren. Herr Amtmann Gröning würde seiner richterlichen Autorität nichts vergeben haben, wenn er dem Repräsentanten der höchsten Behörde Deutschlands eines seiner Privatzimmer als Wartesaal hätte anweisen wollen. Ich könnte ein ganzes Buch solcher charakteristischer Züge meines bremerhavener Geschäftslebens schreiben. Bei der Uebergabe der sechs Corvetten mußte ich mich zur Sicherung gegen persönliche Mißhandlungen auf die Warnung des englischen Consuls zu Brake unter den Schutz der englischen Flagge flüchten.

Die persönlichen Insolenzen, denen ich von allen Klassen, selbst einer ministeriellen Persönlichkeit, wegen dieses unpopulären Geschäfts ausgesetzt war, kannte keine Grenze. Drei Tage war mir der Genuß warmer Speisen versagt, weil kein Restaurateur mich aufnehmen wollte. Am Abend, wo die letzten untern Schiffsoffiziere, Zahlmeister u. dgl. entlassen worden waren, und diesen Abschied in einer nächtlichen Orgie, man kann denken, mit welchen patriotischen Trinksprüchen feierten, überfielen mich vier dieser bis zur Bestialität betrunkenen Seehelden an meinem in demselben Hotel befindlichen Schlafzimmer, versuchten meine Thüre zu sprengen, und versetzten mich in eine Lage der Nothwehr, daß ich, entblößt von jeder andern Waffe, kein anderes Rettungsmittel in Aussicht zu nehmen wußte, als mich mit einer eisernen Ofenhacke neben die Thür zu stellen, mit dem Vorsatze, den ersten durch die gesprengte Thür Eintretenden vor den Schädel zu schlagen. Zum Glück befreite mich der Wirth durch seine Dazwischenkunft von diesen im unverkennbaren Zustand der Unzurechnungsfähigkeit sich befindenden Unholden. Welche Situation für einen so bejahrten Mann, gewöhnt, sich nur in den Kreisen höherer Sitte zu bewegen, solchen Pöbelhaftigkeiten auf jedem Schritte zu begegnen. Dazu kam noch das drückende Gefühl, in allen Unternehmungen der entschiedensten höheren Mißbilligung sich auszusetzen, weil in allen diesen auf administrative und technische Details hinauslaufenden Geschäftsdifferenzen der Militärausschuß auf die Gutachen befangener und zum Theil recht untergeordneter Behörden einzig seine Entscheidung gründen konnte. Für alle diese Unbilden konnte mich nur der Genuß entschädigen, der an sich in dem Ankampfe gegen die Gelüste der Untreue, Schlechtigkeit und des Unrechts liegt, und das Bewußtsein, dem Bundesärar etwa 50,000 Rthr. erkämpft zu haben, die vielleicht ein anderer, minder kampflustiger Sachführer nicht errungen hätte.

Wenige Bundescommissariate möchten ein solches Martyrthum zu bestehen in der Lage gewesen sein, – mit unerschütterlicher Standhaftigkeit einen so allgemeinen, alle Stände des deutschen Volkes durchdringenden Haß mit Seelenruhe zu ertragen und mit Gleichmuth sich als Stichblatt alles nur denkbaren Hohns und Spottes der Tagespresse behandelt zu sehen. Es war ein schwacher Trost für mich, daß bei diesem unermüdlichen Trachten der Presse, alles denkbare Gehässige mir aufzubürden, von dieser doch auch nicht ein Schein eines Zweifels an meiner Rechtlichkeit vorgebracht worden ist. Vielleicht kommt noch eine Zeit, wo diese Flottenangelegenheit in das freie Gebiet der Geschichte zurückgetreten ist, und Diejenigen, denen mein Andenken lieb ist, Gelegenheit finden, meine nicht uninteressante Flottenpassionsgeschichte in ihren Einzelnheiten vor ein ungefangeneres Forum zu bringen, als mir in der politischen Richtung meiner Zeitgenossen offen stand.

Im Juni 1853 erstattete ich dem Bundestagsausschuß meinen Schlußbericht und wurde mit einer etwas kühlen Zufriedenheitserklärung meines Commissorii entbunden.




Blätter und Blüthen.

Noch ist Deutschland nicht verloren, wenigstens die deutsche Literatur nicht. So eben kündigt die Doeger’sche Buchhandlung in Tangermünde eine neue, die siebente gänzlich umgeänderte Auflage des allbekannten Rinaldo Rinaldini an und sagt dazu:

„Wie einst Schiller durch seine Räuber, Goethe durch seinen Werther und Götz das Publikum zur freudigsten Anerkennung hinzureißen wußte, wie diese unsterblichen Werke noch heute unerreichbar dastehen; – so thut auch Vulpius zu Ende des vorigen Jahrhunderts einen glücklichen Griff in die Stimmung des durch obige Werke erregten Volkslebens, und schrieb seinen Rinaldo. Und wie jene Heroen der Dichtkunst durch die zahllosen Nachahmer nur in höhere Strahlenglorie glänzten, so glänzt auch Rinaldo unter den zahllosen Nachahmungen als ein Stern erster Größe in dem Kreise, welchem diese romantische Dichtung angehört. Sechs Auflagen, ungerechnet die Nachdrücke, sind vergriffen, und doch, – ich frage die Herrn Leihbibliothekare, – greift jeder neu eintretende Leser, der in der angedeuteten Art Unterhaltung sucht, nach dem Rinaldo. Aber in welcher kläglichen, abgelesenen und abgegriffenen äußeren Hülle wird die ansprechende Lectüre ihm geboten? Er schlägt das anspruchslose, und doch von jedem Deutschen, er weile in Europa, Amerika, Asien und Australien, gekannte und gesungene Lied: „„In des Waldes tiefsten Gründen,““ – auf, und, o weh! die Verse sind förmlich weggelesen! Und im Buchhandel existirt kein Exemplar mehr. Darum habe ich mich entschlossen, den alten Gesellen in neuem Gewande erscheinen zu lassen. Nein, nicht nur im Druck, nein, auch in Sprache und Schreibart, in welcher er früher sich oft, nach Art solcher Kerle, etwas nonchalant gehen ließ. Denn auch die Räuber sind gebildeter geworden, – der unsterbliche Rinaldo will nicht zurückbleiben. Ein Freund der belletristischen Literatur will ihn für den verlangenden Leserkreis zustutzen, daß er 1855 sich sehen lassen kann. Er soll auch, denn auch dies verlangt unsere Zeit, nicht theuer werden, darum bleibt das Bildwerk, und alles Ungehörige und Langweilige hinweg, wogegen der anmuthige ansprechende Kern, in ungestörter schmackhafter Frische den Leser erquicken soll.“ Kaufe also, deutsche Publikum, diese gebildeten Räuber!!

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855). Leipzig: Ernst Keil, 1855, Seite 562. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1855)_562.jpg&oldid=- (Version vom 22.7.2023)