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Seite:Die Gartenlaube (1855) 560.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855)

Ich übergehe das qualvolle Scheiden und die Verlassenheit meines Herzens. Ein paar hastige Vorkehrungen, und er eilte mit der grünen Berg-Schaar auf den Posten der Ehre. Bald, in dem hartnäckigen Kampfe auf den Ebenen von Bennington, hatte er sich gegen den hochmüthigen Briten ausgezeichnet und seinen gemietheten Soldaten.

„Lang und düster war die Abwesenheit meines Gatten, doch der Gott meiner Väter verließ mich nicht. Ihm empfahl ich meinen Abwesenden im Vertrauen, er werde Alles gut machen. Dann und wann kam ein flüchtig hingeworfenes Zettelchen wie eine Taube des Friedens in meine Einsamkeit. Es sprach von unvergänglicher Liebe und unerschüttertem Glauben an die Sache, für die er Alles verlassen.

„Aber er kehrte heim. Wieder einmal war er bei mir. Ich sah ihn den Erstgebornen an seinen Busen pressen und den kleinen Dunkeläugigen, den er noch nicht erblickt, mit neuer Liebe in seinen väterlichen Armen empfangen. Er erlebte den Abschluß jenes rühmlichen Streites, den wir Alle so gut kennen. Er schaute die Sterne und Streifen unserer Fahne und erfreute sich der Segnungen des kurzen Friedens. Aber ehe das dürre Alter auf seiner Stirn erschien, legte die welkende Hand des Siechthums sein edles Haupt in den Staub. Wie der Sonnenuntergang eine fröhliche Auferstehung weissagt, also war sein Tod. Manche Jahre sind vergangen, seit wir ihn gebettet, wo ich in wenigen kurzen Tagen süß an seiner Seite schlummern werde.“

So war ihre schmucklose Geschichte; und so ist das Wesentliche von der Geschichte mancher Aeltermutter von Neu-England. Während die Feder der Historie von den hohen Thaten unserer patriotischen Väter berichtet, erzählt sie zu wenig von der Entbehrung und Mühsal unserer Mütter, von ihren Nächten voll jäher Unruhe und lautlosen Kummers. Aber ihre Tugenden blieben in den Herzen ihrer Töchter aufgezeichnet, und in den Charakteren, die nicht vergehen. Lasset die rohe Hand der Entartung nicht den geheiligten Schein ihres Gedächtnisses entweihen!




Die letzten Tage der deutschen Flotte.

Von Hannibal Fischer.
Ein Stück deutsche Geschichte.[1]

Getrennt von meiner Familie, durch den Druck der Verhältnisse zu einer meinen vorgerückten Jahren so wenig anständigen vagabundirenden Lebensweise genöthigt, im Gefühle des Trübsinns über so manche gescheiterte Plane einer bestimmten Berufsthätigkeit, verlebte ich zu Frankfurt a. M. ein freudenloses Dasein.

Es war an meinem 67. Geburtstage, als ein hochangesehener Staatsmann mir freundschaftlich mittheilte, daß sich bei dem Bundestage vielleicht eine Gelegenheit darbiete, mir ein wichtiges Dienstgeschäft zu übertragen. Es war das damalige Bedürfniß, zu der beschlossenen Auflösung der deutschen Flotte ein dem höheren Beamtenstande zugehörendes Organ zu finden, welches bewandert, in höheren Administrativgeschäften, zugleich in seinem persönlichen Charakter die erforderliche Bürgschaft darbiete, mit der nöthigen Energie die vorauszusehenden Schwierigkeiten, welche dies Geschäft in Aussicht stelle, zu überwinden. So freudig mich diese Gelegenheit, wenn auch nur temporär, zu einer öffentlichen Wirksamkeit wieder zu gelangen, ansprach, so niederschlagend war mir das Bedenken, daß mir von Seiten des Oldenburg. Gouvernements besonders dessen Bundestagsgesandten, meinem entschiedenen politischen Gegner, ganz gewiß die möglichsten Hindernisse zur Uebernahme eines solchen Antrags entgegnet werden würden. Ueberraschend war mir die Beruhigung meines Gönners: „Sie sind im Irrthum! Gerade dieser Mann hat sie in der Versammlung recht warm empfohlen, und diese Empfehlung hat einen für Sie um so günstigeren Eindruck gemacht, als es gar nicht unbekannt ist, daß dieser Herr Ihr politischer Gegner ist.“ – Mein Erstaunen wuchs, als mir am folgenden Tage die Kunde wurde, daß der Vorschlag meiner Person vollständig durchgegangen sei. Tief bewegte mich der Edelmuth eines Mannes, der ohnerachtet der ganz antipodischen Richtung seiner politischen Charakters, seinem Gegner doch das Zugeständniß vorzüglicher Qualification zu einem Geschäfte nicht versagt hatte, bei welchem jedenfalls Gewandtheit mit strenger Gewissenhaftigkeit und unbestechlicher Charakterstärke vereint sein mußten. Der Drang meines Herzens, den Mann, den ich eher die giftigste Neigung, mir zu schaden, als einen solchen Edelsinn zugetraut hatte, ließ mich nicht rasten, das gegen ihn in meinem Herzen getragene bittere Unrecht aufrichtigst abzubitten. Als nun der wirkliche Antrag von Seiten der Bundesversammlung die Erfüllung meines so lange ersehnten Wunsches, noch dazu auf eine so eigenthümliche Weise, in die so lange vermißte öffentliche Geschäftsthätigkeit versetzt zu werden, realisirt war, zog mich mein erfreutes Herz zu diesen Gönner, um mit meiner Dankbezeugung auch noch die vom innigsten Gemüthsdrang gebotene Ehrenerklärung zu verbinden. Wie aus den Wolken gefallen stand ich aber da, als der durch diese Erklärung sichtlich in eine sehr peinliche Stellung versetzte Diplomat, ganz verblüfft und in übel zusammenhängenden, die größte Verlegenheit bekundenden Redensarten mir versicherte: hier walte ein großes Mißverständniß! Seine Aeußerungen über mich seien von der Ausschußversammlung in einem ganz unrichtigen Sinne aufgefaßt worden, und da ich den Antrag angenommen habe, so dürfe er mir nicht bergen, daß mir dieses zum größten Mißfallen des Herzogs gereichen werde. In großer Gemüthsbewegung referirte ich einem hochstehenden Diplomaten diese arge Mystification meiner Arglosigkeit. Meine Relation versetzte denselben in ein lautes Gelächter: „Aber konnten Sie denn in Ihrer naiven Taubeneinfalt nicht auf der Stelle in diesen Lobsprüchen des Herrn von *** dessen Absicht verkennen, Sie bei dem Großherzog unheilbar zu ruiniren?“ Natürlich weit entfernt, H. von *** eines solchen diplomatischen Kunststücks zu zeihen – „denn Brutus ist ein ehrenwerther Mann!“ – aber doch nicht ohne einige Beschämung, einer solchen Täuschung mich hingegeben zu haben, erzählte ich den Vorfall dem Bundespräsidialgesandten Grafen Thun, der mir rieth, den Antrag anzunehmen, indem mich die Bundesversammlung gegen die Folgen irgend einer Intrigue zu schützen wissen werde. Unmittelbar, nachdem ich den Grafen verlassen hatte, meldete sich Herr von ***. Es mögen in dieser Conferenz bei der bekannten rücksichtslosen Geradheit, und biedern Offenheit des Grafen Thun nicht die freundlichsten Explicationen stattgefunden haben.

Nachdem ich einige Tage mit den erforderlichen Instruktionen auf der Bundeskanzlei zugebracht hatte, eilte ich nach Bremerhaven, als den Ort meiner Bestimmung. Dort kaum angekommen, überraschten mich zwei Depeschen sehr verschiedenartigen Inhalts, die eine, in welcher mir von Sr. Majestät des Königs von Preußen, die Erhebung in die zweite Classe des rothen Adlerordens huldreichst zu erkennen gegeben, die zweite von dem oldenburgischen Ministerium, in welcher mir, bei Vermeidung sofortiger Dienstentlassung die Uebernahme des Bundestagsauftrages untersagt wurde. Es verstand sich von selbst, daß ich als ein in oldenburgischen Pflichten stehender Diener, meine Unterwerfung unter des Großherzogs Befehle pflichtschuldigst anzeigte, und an den Bundestagsausschuß über dieses Inhibitorium Bericht erstattete. Vom Bundespräsidium erhielt ich alsbald die Entschließung:

„Sie werden hiermit im Namen hoher Bundesversammlung aufgefordert, sofort nach Empfang der gegenwärtigen Weisung Ihre Amtsthätigkeit anzutreten, und ehe Ihnen weiter Befehle von der Bundesversammlung zugehen, weder Ihre Entlassung aus dem oldenburg. Staatsdienste zu begehren, noch die Ihnen von der großherzoglichen Regierung etwa angesonnene Entlassung anzunehmen.

„Die bei Erörterung dieser Angelegenheit allseitig kund gegebenen Gesinnungen der Bundesversammlung, sowie der hiermit beifolgende Beschluß derselben, können Ew. übrigens genügende Beruhigung gewähren, daß die Bundesversammlung bereit ist, Sie der großherzoglichen Regierung gegenüber zu vertreten, ohne Sie Ihre persönliche Interessen verletzenden Folgen Preis zu geben.“

Nichts desto weniger erfolgte wenige Tage darauf von dem oldenburgischen Ministerium die Verfügung:

„Dem Herrn Geheimen Staatsrath Dr. Fischer, wird hiermittelst notificirt, daß Sr. K. H. der Großherzog Sich bewogen gefunden haben, denselben mittelst Verfügung vom heutigen dato des Dienstes zu entlassen unter Beilegung einer Pension von 1200 Thaler Courant.

„Unter diesen Umständen haben Sr. königl. Hoheit der Großherzog den diesseitigen Bundestagsgesandten, Herrn Staatsrath von Eisendecher, instruiren lassen, der Bundesversammlung anzuzeigen, daß Höchstdieselben die Auflösung der Flotte von Seiten des Herrn Geheimen Staatsrath Dr. Fischer einstweilen wollen geschehen lassen.“

Ich protestirte begreiflich gegen meine Dienstentlassung, und trat, vertrauend auf den Schutz hoher Bundesversammlung, in meine Funktion ein.

Es begann damit das kläglichste Jahr meines dienstlichen Lebens. Die Flottenangelegenheiten waren damals dem Bundestagsausschuß in Militärangelegenheiten übergeben, dessen technisches Organ der österreichische Oberst von Bourguignon, der preußische Oberst von Wangenheim und der Marinerath Jordan waren. Der Präliminarpunkt, meine Instruktion bildete von vorn herein einen Gegenstand ziemlicher Verlegenheit. Die Herren waren einverstanden, daß sich diese nur in ganz generellem Umfange bezeichnen lasse, und deren speciellere Ausbildung sich erst im Fortgange


  1. Wir entnehmen diese Skizze dem soeben unter dem Titel: Politisches Martyrthum, eine Kriminalgeschichte mit Aktenstücken, erschienenen Buche des durch seine koburger Gefangenschaft neuerdings wieder oft besprochenen einstigen Flottenauctionators und weiland lippe’schen Staatsmininster Hannibal Fischer. Wie weit die hier mitgetheilten Thatsachen auf Wahrheit beruhen, wollen und können wir nicht untersuchen, eben so wenig, wie wir den Standpunkt und die oft kläglichen politischen Auslassungen des Verfassers einer Kritik unterwerfen mögen, die z. B. das sogenannte politische Martyrthum dieses Mannes in einer für ihn sehr unangenehmen Weise beleuchten würde, jedenfalls sind aber die Mittheilungen nicht ohne Interesse und geben ein ganz hübsches Bild jüngstvergangener vaterländischer Zustände.
    D. Redakt. 
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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855). Leipzig: Ernst Keil, 1855, Seite 560. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1855)_560.jpg&oldid=- (Version vom 21.7.2023)