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Seite:Die Gartenlaube (1855) 556.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855)

dem Duft und Glanz und Wein seines herrlichen Rheinstromes, den heitern Sinn, den leichten Humor, die liebe Schalkhaftigkeit und Ironie, die ihm und seinen Liedern ebenfalls zu eigen sind. Eine außerordentliche Anzahl guter Werke zeigt auch den eisernen Fleiß, womit Simrock gearbeitet hat, und in allen Stürmen seines eigenen und des vaterländischen Lebens, ein sicheres Ziel klar vor Augen, ruhig und stät verfolgt: so ist er auch ein seltenes Beispiel eines redlich angewandten Daseins, einer rast- und hastlos angewendeten Kraft.

Es kann uns hier natürlich nicht um eine Kritik der Werke Simrock’s zu thun sein, wir geben am Schluß dieser Skizze nur eine gedrängte Ueberschau seines außerordentlich reichen Wirkens; doch gewiß muß man auch nach dem unten Angeführten darüber staunen, was eine einzige Kraft zu leisten vermag. – Und all’ dies Geleistete: wir verdanken es eigentlich, – natürlich nur mittelbar genommen, – der französischen Julirevolution! – Sie begeisterte den achtundzwanzigjährigen Auscultanten im königl. preußischen Kammergericht in Berlin zu seinem damals berühmt werdenden Gedichte: „Die drei Farben,“ wofür er durch königliche Kabinetsordre aus dem Staatsdienste ausgeschlossen wurde. Da widmete sich denn der junge Mann ganz der Wissenschaft und Poesie; zwanzig Jahre lang wirkte er so ganz allein auf eigene Faust, bis er erst vor fünf Jahren zum Professor an der Universität zu Bonn ernannt wurde. Diese zwanzig Jahre schufen nun alle jene unten verzeichneten Werke, die wir also der Julirevolution oder jener Kabinetsordre zu danken haben. – Wir griffen hier mitten in das Leben Simrock’s ein; verfolgen wir es flüchtig von seinem Anfange an. – Der Vater unseres Simrock, Nikolaus Simrock, kam schon vor der ersten französischen Revolution vom Oberrhein nach Bonn und trat als Musikus in die kurfürstliche Kapelle ein. Er begründete später eine Musikalienhandlung, die er durch Talent, Umsicht und Fleiß immer bedeutender und gewinnreicher machte, und als er im Jahre 1832 starb, hinterließ er einer zahlreichen Familie ein ansehnliches Vermögen. Der Sohn, Karl, wurde an Goethe’s Geburtstag, am 28. August 1802 geboren. Seinen Jugendunterricht genoß er auf dem französischen Lyceum zu Bonn und wuchs er denn auch in der Familie unter Vorliebe für Frankreich auf. Seine innerste Natur aber drängte ihn schon von früh an zu deutscher Sitte und Anschauung, zu deutscher Sprache und Literatur und las er lieber den Eulenspiegel als die Pücelle. Er studirte dann Jura, ging zur Verfolgung dieses Studiums nach Berlin und trat dort schon 1826 als Referendar in preußische Dienste. Daneben hörte er aber noch bei Hegel Philosophie, besonders aber bei Lachmann Literatur des Mittelalters, und dies führte ihn denn mächtig seinem eigenen Wirken zu.

Schon im Jahr 1827 erschien seine erste Uebertragung des Nibelungenliedes; sie gewann sich bald Anerkennung und gemahnte den Altvater Goethe an den bekannten Ausdruck: „als ob ein verdunkelnder Firniß von einem Gemälde weggenommen wäre, und die Farben in ihrer Frische uns wiederum ansprächen.“ – So war Simrock auf einmal in eine erregsame und fördernde Stellung gekommen: er trat in die damals von Hitzig gegründete „Mittwochsgesellschaft,“ wo sich alle Kunst-Notabilitäten der Hauptstadt versammelten; der greise Chamisso näherte sich ihm freundlich, und es schloß sich Simrock’s Freundschaft und Zusammenwirken mit Wilhelm Wackernagel; Franz Kugler trat auch mit hinzu. – Nun gründete Simrock im Verein mit Curtius, später mit Ceggenhagen die „Berliner Stafette,“ die später den Namen „Oppositionsblatt“ annahm und in Sachen der Kunst, namentlich des Theaters, eine einflußreiche und angesehene Stellung gewann. Die jungen rührigen Redacteure gründeten hier die erste Theaterkritik, die schon am andern Morgen über die Vorstellung des Abends Berichte lieferte und von Saphir mit dem Namen „kuchenwarme Kritik“ bezeichnet wurde. Die Kritiker trafen sich am Tage der Vorstellung nach dem Mittagessen in der berühmten Conditorei Stehely, hier vertheilten sie die Theater der Residenz unter sich; nach der Vorstellung schrieb ein Jeder seine Kritik, die um Mitternacht von dem Setzer abgeholt, mit dem anbrechenden Tage abgezogen und um sechs Uhr Morgens den Lesern an’s Bett gebracht wurde. – Es war das ein frisches, regsames Wirken. Dahinein trat nun die Julirevolution mit ihren Folgen für Simrock. Indessen blieb derselbe doch noch zwei Jahre in Berlin, bis ihn die todesgefährliche Krankheit des Vaters in die Heimath zurückrief. Er kam drei Stunden nach dem Tode des Vaters dort an. – Hier nun zu bleiben, war eigentlich nicht sein Wille gewesen; doch die verführerisch-bannende Macht seines geliebten Rheinstroms, die er in dem Eingangs gegebenen Gedichte selbst so verführerisch warnend besingt, übte auch auf ihn ihren Zauber und er blieb. Als begüterter Mann hatte er Muße, sich nun ganz seinen schriftstellerischen und poetischen Intentionen hinzugeben; die kleine, aber von allen Strömungen der Gegenwart mitberührte Vaterstadt, die Universität daselbst mit ihren bedeutsamen Kräften und jungen Nachwüchsen der Poesie, konnten ihm nur förderlich sein.

Am 22. Juli 1843 vermählte er sich mit seiner Jugendliebe, der liebenswürdigen und vortrefflichen Landsmännin, Gertrud Ostler, die ihm ein innig befriedigendes Glück als Gatte und Vater schenkte. In seinen Gedichten hat er der Theuern Lieder gewidmet, die wir dort unter dem Titel: „Mit einem Kranz“ finden. – Abwechselnd lebte er in Bonn und auf seinem Weingut Menzenberg, gelegen auf dem klassischen Boden seiner Heldensage. „Es schat (sagt G. Kinkel in seinem vormärzlichen Buche „vom Rhein“) auf das blühende, im Schlachtlied gefeierte Thal von Honnef, dessen Gleichen an Fruchtbarkeit, Quellenreichthum und Nachtigallenschlag das ganze Rheinland nicht hat; nordwärts schließt der Drachenfels, vom Zauber der glänzendsten Sage umflossen; gegen Osten aber dehnen sich im Bergwald die Schluchten, in welcher nach alter Völkerüberlieferung Dietrich von Bern den Ecke und dessen Brüder erschlug.“ – Die Göttin Saga folgte ihm hier nach oder er folgte ihr nach diesem großen Schauplatz ihrer Thätigkeit. Der Dichter singt darüber also:

„Du winkst mir, Saga, wieder, o Lust, ich folge gern
Wohin du mich auch führest, und wär’ es noch so fern.
Sie sprach aus goldnem Munde: Du bist mir hold, ich weiß
Und gingst in eine Wüste auf deiner Göttin Geheiß.
Das will dir heute lohnen die Herrin deiner Wahl:
Sie will am Rheine wohnen, in dein geliebtes Thal,
Dein trautes, dich begleiten, wo die die Rebe blüht
Und an den sieben Bergen die Sonne scheidend verglüht.“

Das Jahr 1850 rief ihn von dieser Stätte weg und wieder dauernd nach Bonn, seiner Berufung als Professor daselbst. Hier wirkt er nun vor einem stets großen Zuhörer-Kreis; sein Vortrag ist scharf, klar, bestimmt; den ersten Kenner der deutschen Literatur bekundend, und – durchhaucht vom Zauber der Schönheit und Poesie, – die strenge Wissenschaft popularisirend im besten Sinne des Wortes; also auch hier eine Aufgabe lösend, die zu den wichtigsten Errungenschaften unserer Zeit gehört.

Die Persönlichkeit Simrock’s sei von dem oben bezogenen Dichter geschildert, der Jahre lang sein junger Freund und mitstrebender Genosse war. Derselbe spricht sich in dem schon genannten Buche dahin aus: „Wie im Gesange, ist Karl Simrock auch im Leben ruhig und schlicht: wer ihn zum ersten Mal sieht, mag ihn eher kühl heißen. Fleiß, Ernst, Besonnenheit sind die Grundzüge, die zuerst an ihm hervortreten. Aber trifft er die Kreise, in denen sein Geist oder sein Gemüth verwandte Luft athmet, dann schlüpfen die kleinen Schlängelchen aus dem Versteck hervor, und der Scherz wird frei. So muß man ihn unter den Kindern, so in erregtem Kreise, wo Lebensansichten streitig sich austauschen, so als Wirth beim „Eckenblut“ auf seinem Menzenberg gesehen haben, um auch in seinen Helden ganz diese unverbildete Frische, diese unzerstörbare Heiterkeit ihres Schöpfers wieder zu erkennen. – Jetzt gesunder als wohl je vorher, geliebt, geachtet, und von dem, was alle Männer dieser Tage zu tragen haben, bewegt, aber nicht verbittert – so steht er in der kräftigen Mitte des Lebens in rüstiger Schöpferkraft da, voll von Entwürfen.“ – So der Dichter über den Dichter. – Das sind nun wohl zehn Jahre her und zwar zehn Jahre ernster Schwere; sie haben des starken Mannes Haare grau gefärbt; aber sie haben auch jetzt ihn nicht verbittert, sie haben seine rüstige Schöpferkraft noch nicht gestört; in Mitten voller Thätigkeit hat er noch immer bedeutungsvolle Entwürfe. Seine Göttin Saga ist ihm treu nachgefolgt in die gelehrte Stube des akademischen Professors, und in den Sommerferien quillt noch auf dem Menzenberg das edle Eckenblut „für alle Wanderer, die des Weges ziehen.“ Das ist „das Bild vom Rhein,“ das Bild Karl Simrock’s.




Seine zahlreichen Werke lassen sich (hier schon der leichteren Ueberschaulichkeit wegen) in fünf Hauptgruppen zusammenstellen:

I. Das große Heldenbuch in sechs starken Bänden, enthaltend: Gudrun, Nibelungen, kleines Heldenbuch, Wiedland der

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855). Leipzig: Ernst Keil, 1855, Seite 556. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1855)_556.jpg&oldid=- (Version vom 21.7.2023)