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Seite:Die Gartenlaube (1855) 550.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855)

sucht mit Virtuosität alle ihm dargereichten Pfänder, und vertraut mit den Geheimnissen der verstecktesten Damengarderobe, kennt er auch die Schwächen und Gebrechen derselben, wo sie zuerst zum Vorschein zu kommen pflegen. Er weiß, wie oft ein Kattunkleid schon gewaschen, ein seidenes Kleid schon den Strapatzen und handschuhlosen Händen eines Galans ausgesetzt gewesen, und entdeckt mit seiner Kunst die dünnen Stellen an einem Unterrock, die sonst keinem Sterblichen so deutlich zu sehen erlaubt wurden. Die Paletots und Röcke, die Beinkleider und Mäntel sezirt er mit anatomischer Schneiderkenntniß und führt Einem – auch ich litt darunter – oft die Fadenscheinigkeit, ja selbst Offenherzigkeit eines theuren Möbels vor Augen, welches wir noch für treu und diskret hielten; aber ein kluger Mann muß nie Häuser auf Tugenden bauen, am Allerwenigsten bei – Kleidungsstücken.

Meine trauernde Nachbarin hörte seufzend den Preis, der ihr auf den seidenen Mantel geboten wurde und nickte resignirt mit dem Kopfe; auch ich seufzte, am Meisten über den elenden Rock, der sich trotz meiner Anstrengung nicht in dem Zustande tadelloser Gediegenheit befand, obgleich ich ihn noch dem Schneider zum Aufbügeln gegeben. Aber unglücklicher erging es dem alten Mütterchen, deren bescheidenes Wäschebündel in den Augen des Taxators hartherzig ohne Werth blieb, und die Arme, die das Beste und Werthvollste ihrer Wirthschaft zusammengesucht, um durch wenige Groschen vielleicht den Hunger ihrer Kinder zu stillen, sie ging gedrückt und mit sichtlichem Widerstreben von dannen, ohne die Wohlthaten des Instituts noch in Anspruch nehmen zu können und mit der fester gewurzelten Meinung, daß das Leihamt nichts mehr auf Pfänder leihe.

Während dessen die Beamten sich beschäftigten, auch das jetzt in meinen Augen gesunkene Kleidungsstück unter die Insassen den Hauses aufzunehmen, sah ich den Beamten immer weiter schreiten und Wäsche, Kleider, Kessel und Tuchsachen in dem Hintergrunde verschwinden, wo ein Beamter von Zeit zu Zeit erschien, um die ferner nur noch nach Nummern gekannten Pfänder in die Gefängnisse zu bringen, wohin sie hartherzige Mütter und Väter ohne Bedauern geschickt. Endlich erhielt jene trauernde Dame ihr Geld, und auch mein bescheidener Name erklang. Stillvergnügt steckte ich das Geld in meine Tasche, die ich mißtrauisch festhielt, hauptsächlich weil ich ihr den ungewohnten Dienst nicht mehr zutraute, Thalerstücke zu tragen.

Als ich unten auf den Hausflur kam, stand jene junge Dame vor einem unangenehmen Mann mit Stock und Blechschild, dem sie das Geld gab.

„Was?“ rief der Executor, „da fehlt noch ein Thaler.“

Die Dame bat flehentlich, sich denselben morgen zu holen, da sie nicht mehr auf ihren Mantel erhalten hatte. Der Executor sah sie forschend an und versprach bis morgen zu warten.

Das schöne trauernde Antlitz der Dame zog mich an, Ich hatte zwar das Geld nicht übrig, aber … „Madame," sagte ich, „kann ich mit einem kleinen Vorschuß dienen, so befehlen Sie …“

Fast erschrocken sah mich die Dame an. „Ich danke Ihnen," sagte sie dann mit einem schmerzlichen Lächeln, „es wird nicht nöthig sein. Mein Emil ruht nunmehr schuldenfrei im Grabe – und der Sargfabrikant wird mit dem letzten Thaler wohl auch noch einige Tage warten. Und mich wird Gott doch nicht ganz verlassen.“

Sie verneigte sich still und ging. Ich sah ihr lange nach. Die Aufopferung der jungen, schönen Frau für den todten Gatten hatte etwas ungemein Rührendes, besonders in Berlin.




Alexander Dumas’ Stammbaum. Ein adelsstolzer Fremder, wüthend über den Ruhm und das Geld, welches A. Dumas genießt, ließ sich zu ihm einführen, um ihn zu demüthigen, und fing an zu fragen:

„Sie sind ein Quadroon, Monsieur Dumas?“

„Ganz richtig, denn mein Vater war ein Mulatte.“

„Also war Ihr Vater wirklich ein Mulatte? Also war Ihr Großvater –“

„Ein Neger, mein Herr, versteht sich, ein Neger.“

„Und Ihr Urgroßvater, wenn ich fragen darf?“

„War ein Affe, mein Herr! Mein Stammbaum beginnt, wo der Ihrige endet, Monsieur!“




Der Amerikaner in Gesellschaft. Ein europäischer Reisender erklärte, daß nichts intessanter sei in Amerika, als die Stellungen und Attituden der Herren in Gesellschaft zu studiren. Jede Attitude ist ein gymnastisches Kunststück, eine Reihenfolge der phantastischsten Stellungen. Das übliche Kunststück ist, die Beine auf den Kaminsims zu legen oder gegen eine Ofenröhre, aber allemal höher, als der Kopf. Auf einem Mississippi-Dampfer hatte er Gelegenheit, wahrhafte Wunderkünste von Attituden zu beobachten. Angezogen von den „schollernden“ und „pickernden“ Tönen eines Piano’s in einer Damen-Kajüte, stolperten eine große Menge Herren direkt hinein, wo eine äußerst magere, dünne Dame mit einer äußerst heiseren und rissigen Stimme versuchte, „Heil Columbia“ zu singen. Vier Herren bemächtigten sich sofort der Säule, welche in der Mitte die Decke stützte, und stämmten ihre acht Beine, mehrere Zoll hoch über ihren Köpfen, gegen dieselbe, so daß die Köpfe an den Stuhllehnen einsanken. Ein anderer Herr setzte sich neben die Sängerin und legte seine langen Beine quer über das Piano, so dass die Sängerin schwärmerisch auf dessen Stiefelsohlen blicken konnte. Ein Sechster lag auf dem Sopha, die Beine über die Lehne geschlagen und außerhalb damit bis unter die Nase der Sängerin baumelnd. Der Siebente war der Held Aller. Er stellte seinen Stuhl gegen die Wand, machte den Sitz zum Fußschemel und nahm auf der schmalen Lehne Platz, sich mit Lebensgefahr an der Wand balancirend. Ein Achter, der erst gar keinen Platz für seine Beine finden konnte, als den Boden unten, legte sie endlich auf die Schultern des Herrn, der seine Spazierhölzer über das Piano gestreckt hatte, ohne dem geringsten Widerstand zu begegnen. So wie die Dame aufhörte zu singen, begannen alle Herren zusammen einen wahren Höllenlärm von Beifall, indem sie mit Fäusten und Stöcken überall aufschlugen, wo ein Ton zu erwarten war. Dabei fiel der Herr von der scharfen Kante seiner Stuhllehne, ohne sich deshalb weiter zu geniren oder Gelächter zu erregen. Er raffte sich auf und trommelte sogleich auf's Neue enthusiastischen Beifall. Noch feinere Herren holen in Gesellschaft gar ihre Schnippelmesser heraus und splittern von Meubles und sonstigem zugänglichen Holz kleine Späne ab, die sie dann in kleinern Splittern überall in der Stube umherspringen lassen. Die Damen feiner Haushaltungen setzen, um die Gefahr abzulenken, jeder Gesellschaft verschiedene Stücke von Holz und Spänen vor, aus denen sich dann die Herren bedienen, weil sie vermuthen, daß darin ein Wink durch die Blume liege, man solle nichts von Mahagoni-Meubles abschnippeln.




Die australische Industrie-Ausstellung in Melbourne. In Deutschland, England und Frankreich mit tausendjähriger Entwickelung von materieller und ideeller Kultur sind die Industrie- Ausstellungen natürliche Blüthen und Ergebnisse dieses Wachsthums. Die Ausstellung aller Völker in London bezeichnete diese neue Epoche, während die in Paris als Gegensatz zu Napoleon und dem Kriege zugleich eine politische Färbung angenommen hat. Auch die Ausstellung in New-York war natürlich. Man hatte es dort in 70 Jahren weiter gebracht, als wir in einem Jahrtausend. Aber eine Ausstellung der Art in Australien, das vor ein paar Menschenaltern noch gar nicht entdeckt und dann lange eine Ablagerungsstätte für englische Verbrecher war, erscheint wie ein Wunder, wie eine Treibhauspflanze. Freilich hat die Entdeckung unerschöpflicher Goldlager dort eine Entwickelung hervorgerufen, die an Energie, Kraft und Wachsthum Amerika bei Weitem überholen zu wollen scheint. Die ganz Europa bei Weitem übertreffende Landmasse, vor funfzig Jahren noch Wildniß und Wüste, bedeckt sich ringsum mit Städten und dicht kultivirten Strecken in solcher Eile und Masse, daß man kaum so geschwind zählen kann. Wer hörte nicht schon von den rasch emporgesprungenen Hauptstädten Melbourne, Sydney, Adelaide?

Die beiden ersteren besonders machen die heroischsten Anstrengungen, sich als Concurrenten und Rivale um den ersten Rang gegenseitig in Anziehungskraft und Vortheilen der Kultur zu übertreffen. Dieser Rivalität verdankt Australien seine erste Industrie-Ausstellung in Melbourne, wie sie jetzt gebaut und vorbereitet wird.

Melbourne hat viel gegen natürliche Hindernisse commerziellen Gedeihens zu kämpfen. Es liegt am nördlichen Ufer des Flusses Yarra-Yarra im Hinterkopfe Australiens, in sofern das Ganze, wie ein ziemlich ungestalteter Kopf mit der spitzen Nase, der gegen Asien herauf gerichteten Carpentaria-Bay aufgefaßt wird, eine Verdeutlichung, durch welche das Studium elementarischer Geographie sehr erleichtert werden kann. Der Fluß ist unbedeutend und der ganze Zugang vom Meere her nur leichten und seicht gehenden Schiffen möglich, so daß die mit großen Seeschiffen ankommenden Waaren und Menschen durch Boote und Gauner für schwere Kosten und unter mancherlei Prellereien erst in die Stadt geschafft werden müssen. Dazu kam bisher in der Stadt selbst gänzlicher Wassermangel, so daß die Wasserträger aus der Ferne allen Bedarf herbeischaffen müssen und sich ein Faß von vier Eimern mit fünf und zuweilen gar mit zehn Schillingen (über drei Thaler) bezahlen ließen. Nachdem man nun angefangen, Wasser zu graben, dachte man auch an Pflasterung und Drainirung der Straßen, in denen man nach heftigem Regen mit Kähnen fuhr und dann oft nur mit großen Wasserstiefeln gehen konnte. Dabei gab es keine Straßenbeleuchtung, so dass Raub und Mord während der Nacht durch die Straßen herrschten.

Seitdem nun aber die Rivalität mit Sidney begonnen, giebt es Wasser, Gascompagnien, Straßenpflaster, Polizei, Gerechtigkeit, Luxus, Ehrgeiz, Communalsinn, Bildungsanstalten (Gymnasium, Universität etc.) und eine grandiose Industrie-Ausstellung im Werden. Für dergleichen Tempel haben Glas und Eisen durch den londoner Krystall-Palast so sehr die Weihe bekommen, daß man nirgends mehr solche Bauten ausführt, ohne diese Materialien in der modernen Weise zu Grunde zu legen. Das Ausstellungs-Gebäude in Melbourne ist ein verjüngter Sohn des londoner, kürzer und kleiner, und deshalb proportionirter und architektonisch schöner, namentlich in dem großen Transepte oder Dachbogen.

Solch ein Unternehmen führt man in einem Lande aus, das vor drei Jahrhunderten zum ersten Male als Fabel auftauchte und Kapitain Cook erst vor achtzig Jahren (1770) wirklich entdeckte.

Australien wird vielleicht das Europa der Zukunft und der antipodischen Halbkugel, welche unsere bald mit Füßen treten wird, wenn wir nicht eben so viel neue Welt einführen, als wir alte durch Auswanderung verlieren.

Näheres über die weit entlegene Ausstellung vielleicht bei einer späteren, passenden Gelegenheit.



Im Verlage von Ernst Keil in Leipzig erschien:

Gedichte von Ludwig Storch.

Ludwig Storch, der bekannte Verfasser des „Freiknechts“, des „deutschen Leinewebers“ und vieler anderer trefflicher Romane, bietet hier zum ersten Male eine Sammlung seiner Gedichte. Viele davon sind bereits Volkslieder geworden, andere in Musik gesetzt, alle aber tragen den Stempel der göttlichen Poesie an sich und werden, wie der Verfasser selbst, durch ganz Deutschland Verehrer und Freunde in Menge finden.

Bei der elegantesten Ausstattung ist der Preis für 24 Bogen nur auf 1 Thlr. 6 Ngr. (2 fl. Conv.-Mze.), prächtig gebunden auf 1 Thlr. 15 Ngr. (2 fl. 20 Xr.) gesetzt.

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855). Leipzig: Ernst Keil, 1855, Seite 550. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1855)_550.jpg&oldid=- (Version vom 20.7.2023)