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Seite:Die Gartenlaube (1855) 524.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855)

wie alle Sonntage, fallen sollte, brummend hinzufügte, verstand der Reiter nicht.

„Bleibt er nun hier? Kann man ihn sprechen?“

„Weiß ich nicht! Frau und Tochter hat er mitgebracht und zwei haushohe Wagen mit Schränken und Stühlen, er wird also wohl vor die Erst da bleiben.“

„Ich muß Euch noch etwas fragen, Schäfer. Ihr seid ein alter Soldat und die wechseln den Herrn nicht, wie man einen abgetragenen Handschuh auszieht und fortwirft. Wo ist der Oberamtmann Stargau geblieben?“

Der Schäfer hob den Kopf und sah zu dem Fremden, desse Züge er nicht mehr erkennen konnte, eine Weile schweigend empor. „Wer sind Sie denn?“ fragte er dann.

„Ich bin der Lieutenant von Dießbach.“

„Lieutenant?“ entgegnete der Schäfer mißtrauisch; denn der Fremde trug bürgerliche Kleidung. „Von Dießbach? Etwa von der Rinkenburg?“

„Ja wohl. Ihr werdet meine Mutter doch wohl kennen.“

„O ja!“ versetzte der Schäfer trocken.

„Nun, wo ist Stargau?“

„Mir hat er’s nicht gesagt,“ war die eben nicht freundliche Antwort.

„Ihr seid aber doch zu umkameradschaftlich, Alter!“ rief Dießbach. „Das Wetter ist kalt und schnürt Euch vielleicht die Kehle zu – kann ein Achtgroschenstück sie etwa lösen?“

„Ich danke, Herr Lieutenant. Was ich nicht verdiene, nehme ich nicht.“

Der Offizier steckte das Geldstück wieder ein und schien einen Moment unschlüssig, was er thun solle, denn er wandte sein Pferd zweimal nach verschiedenen Richtungen. „Wie heißt Euer neuer Pachter?“ fragte er dann.

„Sie meinen den Herrn Oberamtmann? Siebling!“

„Und Ihr?“

„Ich?“ entgegnete der Schäfer verwundert. „Ich heiße Klupsch.“

„Glupsch doch wohl!“ rief der Offizier lachen. „Ich habe nie einen passendern Namen gehört!“

Der Schäfer, der schon oft mit dieser nahliegenden Verdrehung seines Namens spaßhaft geschraubt worden war, weil „glupsch“ hier zu Lande etwas verteufelt Arges bezeichnet, lachte nun auch und sagte:

„Glupsch bin ich auch, wenn man mich nicht ungeschoren läßt.“

„Das sehe ich!“ erwiederte der Offizier. „Guten Abend!“

Dießbach trabte durch die wachsende Dunkelheit den Bergen zu. Die Rinkenburg, wie das Besitzthum seiner Familie hieß, lag auf einem der bewaldeten Vorhügel des Gebirges, etwa noch zwei Stunden Weges entfernt, bei hellem Wetter war sie noch um diese Stunde des Tages von weit her zu erkennen, denn das Schloß leuchtete mit seinem weißen Abputz weit über das Land. Heut aber, wo die Sonne nur kurze Momente die Wolkendecke zu durchbrechen vermocht hatte, heut war von der Rinkenburg nichts zu sehen. Indessen hatte Dießbach deshalb keine Besorgnisse, denn er glaubte nun in der Gegend vollkommen orientirt zu sein. Er ritt deshalb mit langen Zügeln im scharfen Trabe durch die ziemlich ebene Feldstrecke, welche noch zwischen ihm und den Bergen lag, und überließ es seinem Pferde, sich den Weg zu suchen. Ein Paar Mal schien es unschlüssig, der Reiter half ihm dann mit den Sporen nach. Jetzt scheute es sich wieder vor einem großen Stein, wie es schien, der einen Kreuzweg bezeichnete. Dießbach zog, ein wenig aus dem Sitz gekommen, die Zügel an und lenkte es rechts, während das Thier sich widersetzte und durchaus den Weg links nehmen wollte.

„O nein, beste Kitty!“ sagte der Reiter. „Sie werden die Gewogenheit haben –“

Er spornte sie in die Richtung, welche nach der Rinkenburg führen mußte, aber so nah er sich dem Ziele schon glaubte, mußte er sich, als er eine halbe Stunde flott weggetrabt war, zu seiner nicht geringen Beschämung gestehen, daß Miß Kitty doch wohl am Kreuzwege Recht gehabt.

„Ein Skandal wäre es,“ sagte er für sich, „wenn ein Husar sich nicht einmal in seiner eignen Heimath zurechtfinden könnte!“

Dort ragten endlich die Berge! Viktoria! Finster hob sich in geringer Entfernung von ihm eine dunkle Masse zum Himmel, gegen welchen sich ihr scharfer Rand deutlich abzeichnete. Wenn er nicht in die Berge hinein, sondern längs derselben hinritt, mußte er ja nach Hause kommen, es war nur die kleine Frage zu entscheiden: rechts oder links?

Herr Guido von Dießbach hielt seine schöne Kitty, das unvergleichliche Halbblut, einen Moment an, und befragte zunächst die goldene Repetiruhr, welche er im vergangenen Jahre als Page bei der Aufwartung einer fremden, überaus freigebigen Prinzessin als Geschenk erhalten hatte. Sie ging in dreizehn Steinen und trug innerhalb eingravirt seinen Namen nebst dem der erlauchten Geberin. Man kann sich denken, wie stolz der Besitzer darauf war und wie oft sie ihr feines Stimmchen hören lassen mußte! Heut verkündigte sie schon ein Viertel nach neun Uhr.

„Vor zehn Uhr bin ich zu Hause!“ sagte Dießbach. „En avant!“ Und ohne sich länger zu bedenken, wandte er sein Pferd wieder rechts. „Sie werden entschuldigen, Dame der Schönheit, wenn ich Ihnen zum Schluß noch einen kleinen Galopp gebe!“ sagte er, und sprengte das feurige Thier an, da nun längs der Bergmasse dahin brauste. Dießbach hatte sich vorgenommen, dieselbe stets neben sich zu lassen, aber unmerklich hatten sich auch hinter ihm Höhen zusammengeschoben, bald ragten auch landwärts Hügel und Berghänge, der Weg fing an, sich zu heben, und ehe der Reiter sich’s versah, befand er sich in einem ansteigenden, immer enger werdenden Thale. Er hatte die Schwelle des Gebirgs, ohne es zu wissen, längst überschritten, und war seinem Banne verfallen.

„Also eine Entdeckungsreise!“ sagte er, als er sich dieser Ueberzeugung nicht länger verschließen konnte. „Hat auch ihr Interesse! Wie viel Uhr haben wir jetzt?“

Das Geschenk der Prinzessin repetirte Zehn. „Fatal! Was werden sie auf der Rinkenburg über das Ausbleiben denken? Kuno besonders!“

Er war nun bei dem immer steiler werdenden Bergpfade genöthigt, Schritt zu reiten. Auch das Thal verengte sich immer mehr, endlich gabelte es sich, wie der lichte Himmelstreif, der über seinen schwarzen Wänden lag, deutlich wahrnehmen ließ, weiter oben in zwei rechtwinklig auseinanderspringende Schluchten. Diesmal wählte der Reiter die Linke, denn zur Rechten hörte er ein brausendes Wasser, und wenn er sich nicht täuschte, sogar das Tosen eines Wasserfalles. Die Schlucht, auf deren schroffer Sohle das Pferd nun keuchend emporstrebte, war zum Glück nur kurz und führte zu einer Hochebne, auf der freilich kein Pfad mehr zu erkennen war, selbst für Kitty’s scharfe Sinne, welche mit gesenktem Kopfe schnarchend danach zu spüren schien. Aber eine dämmernde Helle fing an sich zu verbreiten, und zu seiner Freude erblickte Guido nach einiger Zeit den Mond, dessen scharfe Sichel durch eine Tannengruppe schimmerte, welche sich auf der ersten Stufe einer neuen Höhenmasse zu seiner Rechten erhob. Das zweifelhafte Licht, das über der Berghalde zitterte und jeder Klippe, jedem Baume phantastische Formen gab, ließ jedoch nirgends auch nur die Spur eines Weges finden, und so sank denn nach und nach mit der guten Laune auch der gute Muth des jungen Soldaten.

Endlos erschien ihm die Hochflor. Jetzt erreichte er ihren jenseitigen Rand, dort senkten sich wieder Gründe hinab, es blieb ihm keine Wahl, als sich auf gut Glück in deren Labyrinth zu vertiefen. Wie lange er seit der letzten Anfrage bei seiner Uhr geritten war, konnte er zu seinem vermehrten Verdrusse nicht mehr ermitteln, denn sie war stehen geblieben. Ach, und er war jetzt so müde! Sehnsüchtig dachte er an sein weiches Bett –

„Land!“ rief er plötzlich so laut, daß Kitty unter ihm zusammenfuhr. Dort in der Tiefe schimmerte Licht.



II.

Ein gefährlicher Ritt war es noch, den der Verirrte zu bestehen hatte, und er konnte Gott danken, daß er nicht unterwegs den Hals brach. Indessen war die Steile nun glücklich überwunden und auch die Besorgniß, daß ihn nur ein Irrlicht necke und verrätherisch wieder verschwinden werde, hatte sich als grundlos gezeigt. Er befand sich in einem sehr engen und wie der ungewisse Mondschein, der ziemlich senkrecht hineinfiel, vermuthen ließ, gewiß höchst romantischen Thale, aus dessen Hintergrunde ihm das Licht, das er von Oben gesehen hatte, noch immer mit einem stetigen Strahle entgegen blinke. Näher kommend, erkannte er ein Gebäude mit scharfen, wunderlich gezackten Firsten, in welchem ein

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855). Leipzig: Ernst Keil, 1855, Seite 524. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1855)_524.jpg&oldid=- (Version vom 9.9.2019)