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Seite:Die Gartenlaube (1855) 494.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855)

Mutter und Erzieherin dieser nationalen Charakterzüge und Tugenden erkennen.

Die neueste und beste Kunde von den Kosaken haben wir bis jetzt aus Herrn Wagner’s Reisewerke, und dieser verdankt das Beste einem Kosaken-Major, den er traf, und mit welchem er auf das Liebenswürdigste plauderte, wobei der Major so viel Punsch trank, wie kaum zehn ausgepichte deutsche Trinker zu einem Katzenjammer brauchen würden. Das alte, rohe, lustige Kosakenthum beschränkt sich nach seiner Behauptung jetzt auf die Steppen zwischen dem Don und der Manytsch und die Ufer des Sal. Im Hauptorte der Don-Kosaken, Neu-Tscherkask und südlich vom Don haben sich die Laster der Civilisation, Bankerott, Betrug, Unterschleif, Spiel, Champagner, Ehebruch und Ausschweifung eingefunden, aber nicht die Tugenden der Kultur. Nur im Innern der Steppen ist der Kosake noch Kosake: ein breitschulteriger, fast über den ganzen Körper behaarter Riese, auf dem Pferde und in Hütten von Stroh und Schilf oder unter Zelten lebend und weiterziehend, wenn Weide und Wild erschöpft sind. Die Kalmücken zwischen den Don- und Schwarze-Meer-Kosaken (am Kubanflusse herauf, der bei Anapa in’s asow’sche Meer mündet) machen jeden Herbst weite Wanderungen südlich, wie Zugvögel. Unter den Kosaken des schwarzen Meeres mit dem Hauptorte Ekoterinodar hat der benachbarte Krieg mit kaukasischen Stämmen fast alle ehemalige Ursprünglichkeit vertrieben.

Die Don-Kosaken waren und behaupteten sich lange als freie, nomadische Wilde, deren Eigenthümlichkeit sich den spätern Beimischungen mittheilte. Ungeheuere, unbegrenzte Steppen waren ihre freies, communistisch-gemeinsames Eigenthum, so daß sich keine Muschiks (leibeigene Bauern) und keine aristokratischen Grundbesitzer bilden konnten. Jeder konnte beliebig als Tscherednik oder Tabuntschik oder als Tschaban[1] durch die unaufhörliche Ebene streifen und nach seinem Willen und seiner Kraft leben. Kein Pschilt und kein Tschofokott [2] befindet sich unter den Kosaken.

Der Major erzählte besonders enthusiastisch die Heldenthaten seines Großvaters aus der Familie der Iguroffs, die als natürliche Aristokraten verehrt wurden, weil sie alle Kosakentugenden am Vollendetsten darstellten: sie waren Giganten von Gestalt und Kraft, Liebhaber schöner Pferde und Mädchen, die heroischsten Schnapstrinker, die geschicktesten Tänzer und ausgezeichnetsten Sänger. Man kann sich daraus leicht das Ideal eines Kosaken zusammenfügen. Am Eigenthümlichsten und Schönsten sind die alten Nationaltänze und Gesänge der Kosaken: erstere wahre Wunderkünste von Gymnastik, Kraft, Grazie und elastischer Geschicklichkeit, letztere mit ihren Mollaccorden, die mit wilden Passagen und Cadenzen rasch abwechseln, herzergreifend und bald wildberauschend, bald elegisch erweichend. Von gegenwärtiger Wichtigkeit wäre es, etwas Näheres über ihr Abhängigkeitsverhältniß zu Rußland zu erfahren. Doch auch ohne bestimmtere Kenntniß läßt sich denken, daß sie, im Wesentlichsten frei gelassen und als Patrioten und Helden ganz besonders geschmeichelt und russisch enthusiasmirt, weder zu den Engländern, noch zu den Franzosen übergehen werden. Erstere können Niemandem schmeicheln, ohne sich zu blamiren, letztere haben besonders durch die Plünderung von Kertsch alle Chancen verloren. Aus Allem ergiebt sich, daß die Kosaken auf anständigere Weise zur Ehre Rußlands kämpfen werden, als Palmerston und Compagnie.

Um den Lesern Gelegenheit zu einer persönlichen Bekanntschaft mit Kosaken zu verschaffen, haben wir das Portrait eines Kosaken-Offiziers und das seiner Tochter, vom Fürsten Gagarin, an Ort und Stelle aufgenommen, beigefügt, deren Physiognomien und Tracht sind im Bilde, ohne Worte verständlich.




Blätter und Blüthen.

Eine pariser Restauration. Ich will die Beschreibung von Paris, meldet man von dort, nicht abbrechen, ohne Ihren Lesern die neue Restauration in der Rue de Montesquieu, dicht am Palais Royal, zu schildern. In dieser kurzen, aber hübschen Straße existirte seit Jahren ein Tanzsaal für die Loretten und Köchinnen des Stadtviertels. Als der Miethcontrakt des Saalpächters zu Ende war, verlangte der Eigenthümer einen höheren Miethzins, und der Pächter zog sich zurück. Neben dem Saal existirt ein großes Modewaarengeschäft, „au coin des rues,“ genannt, dessen Besitzer den großartigen Entschluß faßte, diesen Saal seinem Magazine einzuverleiben und dadurch die ihm gegenüberliegende, sehr bekannte Modewaaren-Handlung, die sich mit impertinenter Ironie „au pauvre diable“ nennt, legaler Weise zu ruiniren. Aber der furchtbare Wirth des Saales verlangte, glaube ich, 30,000 Fr. jährliche Miethe, und die machten den „Straßen-Eck“ schwanken. Kaum hatte nun aber der „arme Teufel“ von der Gefahr gehört, die ihm bevorstand, als er den „Saal des Geistes der Gesetze“ à tout prix miethete, obgleich er ihm für sein auf der anderen Seite der Straße gelegenes Magazin gar nichts nützen konnte. Nun wurde in dem Saale nicht mehr getanzt, und es wurde auch kein Bazar aus ihm, wozu in aller Welt konnte er verwendet werden? Es giebt in Paris einen Fleischer, Namens Duval, der die Idee hatte, Restaurationen zu errichten, wie Paris noch keine besaß. Eine Garküche ist ein neutraler Boden, und der „arme Teufel“ nahm keinen Anstand, Herrn Duval den Saal um einen bei weit billigeren Preis zu untermiethen. Was sind auch funfzehn- bis zwanzigtausend Franks jährlicher Verluste gegen die Gefahr, von dem „Straßen-Eck“ ruinirt zu werden! Ich habe nun neulich die Restauration dieses genialen Fleischers besucht und finde, daß der Mann so gut einen Orden verdient, wie der oder jener Tuch- oder Leinwandfabrikant. Er hat wirklich ein Problem gelöst.

So wie man in die Vorhalle tritt, erhält man von einem Beamten (es ist hier Alles wie in einer großen Administration eingerichtet) eine gedruckte Speisekarte, aus welcher die zu habenden Gerichte und Getränke mit Angabe der Preise verzeichnet stehen. Man ist über die Billigkeit erstaunt und geht an ein paar Tischen, auf denen das rohe Fleisch erster Qualität ausgestellt ist, vorbei in den Speisesaal. Dieser bietet nun einen äußerst interessanten Anblick dar. Rechts und links lange Reihen kleiner Marmortische, ringsherum breite Galerien, auf denen ebenfalls gespeist wird. In der Mitte des Saales selbst stehen zwei große offene Dampfküchen, deren ökonomische Einrichtung und Sauberkeit bewundernswerth ist. Sehr anständig gekleidete Frauen von seltener Reinlichkeit holen aus den ungeheuren Töpfen die Speisen und die Stücke Fleisch heraus, schneiden ab, und man hat hier den Vortheil, der einem in Paris nicht immer zu Gebote steht: zu sehen, was man eigentlich ißt. Sobald man eine Speise bestellt hat, macht der Kellner auf die Speisekarte, die man von der Thür mitbrachte, ein Kreuz. An jedem Marmortische ist eine aufrechtstehende Röhre angebracht, an welcher sich zwei Drücker befinden. Aus diesen Röhren, die unter den Tischen fortlaufen, strömt so viel Selterwasser als man trinken will und für das Recht, diese Röhren bei Tische zu benutzen, bezahlt man bei der allgemeinen Rechnung zwei Sous (kaum einen Sgr.). Ist man mit Essen fertig, so geht man mit seiner Karte hinaus. Man kommt von selbst an den Comptoiren vorbei, an denen mehrere Damen sitzen, welche im Nu die Rechnung, die man mit der Karte ja selbst präsentirt, zusammenaddiren. Hat man gezahlt, so erhält man die Karte zurück, und giebt sie beim Herausgehen einem Controleur ab. Trinkgeld an den Kellner wird nicht verabreicht. Alle Speisen sind einfach zubereitet, aber äußerst geschmackvoll, und in keiner Restauration kann man besseres Fleisch essen, als hier. Anderthalb Francs (12 Sgr.) sind zu einem Diner genügend. Der Erfolg dieses Etablissements ist so außerordentlich groß, daß zwischen sechs und sieben Uhr in der Regel 800 Personen auf einmal in dem Saale essen, so daß man für kurze Zeit die Gitter schließen muß. Herr Duval errichtet im Ganzen zwölf Anstalten der Art in Paris, und zwei kleinere existiren bereits in andern Stadttheilen.




Pensions-Anstalt in Dresden.

Der Unterzeichnete erbietet sich, um Michaelis 1855 noch einige Söhne gebildeter Familien als Pensionäre bei sich aufzunehmen. Dieselben können zugleich in allen Realgegenständen, sowie in den wichtigsten Zweigen der Kriegswissenschaft, gegen Erlegung eines sehr mäßigen Honorars, privatim unterrichtet werden. Ueber die näheren Bedingungen wird Unterzeichneter zu jeder Zeit mündliche oder schriftliche Auskunft ertheilen. Auch haben sich wohlwollend geneigt erklärt, etwa an sie ergehende Anfragen in dieser Beziehung zu beantworten:

In Augsburg: Herr Dr. Oskar Peschel (Redaktion der Allgem. Zeitung);
In Berlin: Herr Archivrath Dr. Märcker, Königl. Haus-Archivar;
In Hamburg: Madame Elise Raynal, Vorsteherin einer weiblichen Erziehungs- und Bildungsanstalt;
In Leipzig: Herr Friedrich Bernhard Theodor Harck;
In Schwerin: Herr Oberkirchenrath Dr. Kliefoth.

Dresden, Anfang September 1855.

Karl August Müller, 
phil. Dr., Professor a. d. Königl. Sächs. Kriegsschule. 




Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Tscherednik = Rindviehtreiber. Tabuntschik = Pferdehirt oder Aufseher. Tschaban = friedlicher Hirt.
  2. Pschilt, der Sclave bei den Circassiern, Tschokott, der freigelassene Sclave, der aber zu den Works oder Adeligen in einem Abhängigkeitsverhältnisse bleibt, wie bei uns in der feudalistischen Zeit der Vasall und Schutzbürger zu dem Grundherrn.
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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855). Leipzig: Ernst Keil, 1855, Seite 494. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1855)_494.jpg&oldid=- (Version vom 5.7.2023)