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Seite:Die Gartenlaube (1855) 400.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855)

kleine Säckchen von Palmblattfasern oder grober Leinwand thut. Diese Säckchen, „nidos“ (Nester) genannt, hängt man hierauf an die jungen Aeste der zu bevölkernden Cactuspflanzen, die zuvor mit einem Pinsel von allem Schmutz gereinigt werden müssen. Nach 15 bis 18 Tagen sind die Larven aus den von den Weibchen in den „Nestern“ gelegten Eiern aus- und auf die Cactusäste gekrochen, und man findet in den Säckchen blos noch die todten Weibchen, welche als „Sacatillo“ benutzt werden. Bei der Bevölkerung einer frischen Cactuspflanze muß man sorgfältig darauf achten, daß weder zu viel noch zu wenig Schildläuse darauf kommen. Im erstern Falle nämlich wird entweder das Eingehen der Cactuspflanze herbeigeführt, oder die jungen Schildläuse bekommen nicht genug Nahrung und sterben in Folge davon. Im zweiten Falle nehmen die jungen Thiere häufig zu reichliche Nahrung auf und werden davon krank. Das Bevölkern frischer Cactuspflanzen wird gewöhnlich zu Anfang des Sommers vor dem Blühen des Cactus vorgenommen, weil dann die Pflanzen den kräftigsten und nahrhaftesten Saft besitzen. Um denselben längere Zeit in diesem Zustande zu erhalten, bricht man alle Blüthenknospen von den zu bevölkernden Pflanzen ab, bevor man die Nester daran hängt.

Vor der Einführung der Cochenillezucht trieb Spanien einen ziemlich einträglichen Handel mit einer andern, ebenfalls einen schönen rothen Farbstoff spendenden Schildlausart. Es war dies die Kermesschildlaus (Coccus Quercus), welche von dem Saft der Blätter und Zweige einer kleinen strauchartigen, in Spanien und überhaupt in den Umgebungen des mittelländischen Meeres häufig wachsenden Eichenart (Quercus coccifera) lebt und in Spanien „Grana“ genannt wird. Gegenwärtig wird dieses nützliche Thierchen kaum mehr gesammelt. Gezüchtet hat man dasselbe meines Wissens niemals. Dr. Willkomm.




Ein Dichterblick.

Skizze von Elise Polko.

„Die Stätte, die ein guter Mensch betrat,
Ist eingeweiht für alle Zeiten.“


Goethe.

In der sogenannten Lößnitz, diesem lieblichen Weingarten Dresdens, wo Villa an Villa sich reiht, und die ganze Landschaft, von der frischen, lebendigen Elbe durchströmt, uns an das Gesicht eines glücklichen Kindes gemahnt, liegt ein weißes Haus mit einem kleinen Thürmchen, unten am Fuße der Berge. – Etwas zurückgeschoben zwischen den Weinhügeln liegt es da, so umrankt von Rosen, so versteckt in Buschwerk, so tief beschattet von hohen Bäumen wie Dornröschen in seiner süßen Einsamkeit. – Ueber sein schlichtes Dach sind schon viele, viele Jahre hingezogen, an seinen Fenstern hat schon mancher Sturmwind gerüttelt, liebliche Gestalten, die schon längst begraben und vergessen sind, wandelten unter dem Schatten der alten Kastanien auf und nieder, und doch schaut das Haus noch so jugendlich aus dem Grün hervor, als erlebe es den ersten Frühling. Vor der Hausthür steht eine breite Steinbank, woselbst sich eine bezaubernde Aussicht aufschließt auf Elbflorenz und die fernen Berge der sächsischen Schweiz. Auf diesem Plätzchen eben saß einst ein Mann, von dessen ewiger Jugend vielleicht ein Hauch hinüberwehete zu dem kleinen Hause; Der Mann hieß Jean Paul Friedrich Richter.

Die Nachricht, der Dichter des „Titan“ wird Dresden besuchen, setzte im Mai des Jahres 1822 die höheren Kreise der Bevölkerung der Hauptstadt in freudige Bewegung. Jean Paul’s Name flog von Lippe zu Lippe, man redete von seiner Ankunft wie von einem Staatsereigniß, man sah der Erscheinung des schlichten Schullehrersohnes aus Wunsiedel mit einer Spannung entgegen, die ihren Ausdruck in tausend belustigenden Extravaganzen fand. Besonders waren es die Frauen, die sich darnach sehnten, dem neuen begeisterten Frauenlob Gruß und Dank entgegenzutragen; eine Unruhe und Erwartung hatte die Schönen ergriffen, ähnlich jenen fieberhaften Ballgefühlen siebenzehnjähriger Mädchen. Diese Aufregung durchzitterte das friedlichste Familienleben und erpreßte manchem Vater und Ehemann tiefe Seufzer. Einige der begeistertsten Verehrerinnen des großen Dichters verließen viele Tage lang am frühen Morgen schon das Haus, um sich auf der leipziger Straße aufzustellen, und jeden Wagen zu untersuchen, der des Weges daher kam.

Unglücklicher Weise kam der Ersehnte in der Nacht an und schaute eines Morgens sehr behaglich im großblumigen Schlafrock und langer Pfeife zum Eckfenster des zweiten Stockwerks der Stadt Wien heraus. Von Stunde an verwandelte sich die Wohnung Jean Paul’s in eine Festung, die eine Schaar junger und alter Belagerinnen zu stürmen versuchte.

Man begnügte sich nicht mehr mit dem Anblick des gefeierten Mannes, man verlangte ihn reden zu hören, von ihm bemerkt zu werden, ihm zu gefallen. Der erste Sturmlauf galt freilich dem alten Stiefelputzer des Gasthauses, der Mann sollte allerlei wunderbare Dinge ausliefern, als da sind: Läppchen von einem gewissen großblumigen Schlafrock, Stückchen von einer gewissen Federfahne, geweihte Asche aus einer gewissen Pfeife u. dgl. mehr. Zahllose Kugeln in Gestalt kleiner und großer Briefe flogen in die Festung, sie waren unterzeichnet mit „Lina“, „Beate“, „Liane“, „Klothilde“ oder „Giulia“, nur fand sich keine „Lenette“ vor. Blumen und Kränze bildeten das schwere Geschütz, und der intelligente Stiefelputzer legte bald sein mühseliges Geschäft nieder, um einen sehr einträglichen Kleinhandel zu eröffnen mit welken Blumen und vertrockneten Blättern.

Der Aufenthalt Jean Paul’s in Dresden glich einem ununterbrochenen Feste. Die Bevorzugten, in deren Häuser der große Dichter sich einführen ließ, gaben ihm zu Ehren die glänzendsten Gesellschaften. Man schleppte ihn von einem Gastmahl zum andern, besang und bekränzte ihn, wo er sich nur blicken ließ, und die Wahl seiner Tischnachbaren und besonders die Wahl seiner Tischnachbarinnen gab gar oft Veranlassung zu Familienzwistigkeiten, die dem bekannten Streite der Montecchi’s und Capuletti’s an Bitterkeit wenig nachstanden. Die Gegenstände, die der Gefeierte berührte, waren, insofern sie sich bewegen ließen, keinen Augenblick vor Entführung sicher, Löffel Teller, Messer und Gläser konnten nur durch ganz besondere Energie der Bedienung oder persönliche Ueberwachung der Hausfrau geschützt werden; die vornehmsten Gäste scheuten sich nicht, nach dergleichen Reliquien die Hand auszustrecken.

Der einfache, kindliche Jean Paul wurde von all diesem Treiben ermüdet und gelangweilt. Die ewigen Citate aus seinen Werken, mit denen man ihn bewirthete, die überschwenglichen Lobsprüche und zierlichen Phrasen, die man ihm in’s Gesicht warf, peinigten ihn. Nirgends begegnete er dem Ausdruck einer natürlichen Begeisterung, alle die Mienen, alle die Worte, alle die Bewegungen erschienen ihm gemacht, geschraubt. Er sehnte sich schon nach kurzer Zeit hinweg aus den glänzenden Sälen und prachtvollen Boudoirs und folgte mit wirklichem Entzücken der Aufforderung eines Freundes, die Lößnitz mit ihm zu besuchen. –

Es war ein unvergleichlich schöner Maitag. Der Frühling selbst schien den Mann feiern zu wollen, der seine Reize mit so unnachahmlichen Farben gemalt, der seine Schönheit so oft und so begeistert gepriesen. Die blühenden Bäume standen in den Gärten und an den Wegen wie geputzte Kinder und streckten ihm ihre Riesenbouquets entgegen, und auf der Erde waren die Blumen so dicht gestreut wie noch nie. Des Dichters Herz ging in heller Freude auf, er konnte sich nicht satt sehen an dem Zauber der Landschaft. Zurückgelehnt im bequemen Wagen rollte er heiter jener Villa zu, die wir am Anfang dieser Skizze beschrieben, und die den lieblichen Namen Friedstein trug. Die große Gesellschaft, die ihn beim Aussteigen umringte, entlockte ihm aber einen tiefen Seufzer, also auch hier sollte er sich anstaunen lassen! Der Besitzer der Villa trat ihm mit seiner wunderschönen Frau voll dankbarer Freude entgegen, und führte ihn in den Kreis der Gäste.

Jean Paul ließ seine Augen sanft grüßend von einer Gestalt zur andern gehen, zerstreut hörte er allerlei Namen an sein Ohr schlagen, zerstreut erwiederte er die feierlichen Begrüßungen. –

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855). Leipzig: Ernst Keil, 1855, Seite 400. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1855)_400.jpg&oldid=- (Version vom 24.6.2023)