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Seite:Die Gartenlaube (1855) 393.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855)

Selbst die kalten Herzen der hochmögenden Herren wurden durch ihre Heldenthat erwärmt, aber mehr wirkte die freundliche Gesinnung des Prinzen Friedrich Heinrich von Oranien, dessen Einfluß auch die zur Milde stimmte, die im Hasse kein Ziel kannten und unedel genug waren, das edle Weib büßen zu lassen für ihre Liebe und Treue. Sie konnten am Ende den laut geäußerten Ansichten des Prinzen nicht Trotz bieten, und stimmten ein in das Urtheil, welches ihre sofortige Befreiung aussprach. Sie kehrte mit Elsje nach Gorkum zurück in das Stübchen, wo sie in so großem Leide ausgeharrt, wo aber auch mit Elsje’s Beirath der Plan zu des theuern Gatten Befreiung zur Reife gediehen war. Wo sich ihr Gatte befand, das wußte sie nicht, hoffte aber, daß an van Houwening gewiß eine Nachricht gelangen werde.

Monate flossen indeß dahin, ehe jener Brief aus Paris in ihre Hände kam.

Während dieser Zeit erkrankte Piet’s gute Mutter schwer. Sie zählte siebzig Jahre und hatte des Leides viel erfahren und getragen mit frommem, gottergebenem Herzen. Sie hatte in die That ihres Sohnes gewilligt, weil sie eine gottgefällige Handlung, die Errettung eines Glaubensgenossen aus den Banden eines ungerechten Urtheils darin erkannte, obwohl sie wußte, sie würde hienieden ihren Sohn nicht wiedersehen. Das war viel für ein Mutterherz! Sie trug aber eins jener seltenen und wahrhaft großen Herzen in der Brust, die das schwerste Opfer für eine heilig erkannte Sache zu bringen fähig sind. Frau de Groot’s Beispiel hatte sie und Elsje’s weiche Mutter begeistert und zu Heldinnen gemacht. Der Abschied Piet’s hatte ihr freilich fast das Herz abgedrückt, aber sie hatte ihn ja gesegnet und droben im Vaterhause sah sie ihn wieder: der Glaube war in ihrer frommen Seele fest wie ein Fels.

Frau de Groot und Elsje wichen nicht von ihrem Bette, und was der Reichthum vermag, Leiden zu mildern, das wurde in einem Maße geboten, wie es dem Herzen der edlen Frau nur irgend zureichte; allein nichts vermag die Grenze hinauszurücken, die der Herr der Tage dem menschlichen Leben gesetzt hat. Sie hauchte stille und friedlich ihre Seele aus und Piet war ihr letztes Wort, zu dem als göttlichen Trost Frau de Groot die Worte sprach:

„Jesus spricht: Ich will Euch wiedersehen und Eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden.“

Da überflog ein wunderbarer Schein der Verklärung die Züge der Sterbenden und verließ sie selbst dann nicht, als der Tod sein sonst so erschütterndes Siegel völlig dem Antlitze aufgedrückt hatte. Elsje hatte sie den letzten Mutterkuß für ihren guten Piet anvertraut. Auch in Bezug auf Piet’s irdische Zukunft starb sie ohne Sorgen. Frau de Groot gab ihr die Versicherung, daß sie so für ihn sorgen würde, daß er als wohlbehaltener Mann werde leben können. Daß das dem Mutterherzen eine schwere Bürde abnahm, zumal sie die feste Hoffnung nähren durfte, daß Piet so straflos zurückkehren dürfe, wie Elsje von Löwenstein heimgekehrt war, war gewiß.

Frau de Groot machte nun auch Anstalten, ihr Wort zur That zu machen. Kaum war Piet’s Mutter zur irdischen Ruhe im Grabe gebettet, da begann sie, das Häuschen unter der Linde niederreißen und neu aufbauen zu lassen. Es wurde größer, geräumiger, stattlicher. – Durch Vermittelung des, wenn auch nicht muthvollen, doch aalgewandten Daatselaar, der ohnehin seine Schuld auf irgend eine Weise vergessen machen wollte, kaufte sie alle die Güter an sich, welche einst Piet’s Vater besessen hatte; ja, sie vergrößerte das Gütchen noch um ein Bedeutendes, fast mehr als die Hälfte. Darauf mußte van Houwening den Garten ansehnlich vergrößern; ihn anlegen und ein Treibhaus einrichten, wie es sich Piet oft so warm gewünscht hatte. Und als dies Alles betritten war, da ließ sie, die aus ihrem Vermögen dies Alles bestritten hatte, eine Schenkungsurkunde für Piet und Elsje aufsetzen, und gab sie dem entzückten und doch in jungfräulicher, heiliger Scham erglühenden, dankbaren Mädchen.

Als van Houwening so recht mitten in der Arbeit war, welche sie ihm reichlich lohnte, erhielt sie und Elsje die Briefe von Paris.

„Gelobt sei Gott!“ rief Maria in seliger Freude aus, als sie den Brief gelesen.

Elsje schien weniger erfreut durch den Ihrigen, und das kam daher, daß Piet eine heiße Sehnsucht nach ihr, der Mutter, der Heimath – mit einem Worte, jenes tiefe Weh der Sehnsucht aussprach, welches die deutsche Sprache mit dem wunderbar weich tönenden Worte Heimweh bezeichnet. Das Leben und Treiben in der großen, geräuschvollen Stadt schien den guten Jungen zu erdrücken. Trotz der wimmelnden Welt, die ihn umgab, fühlte er sich vereinzelt. Die Stunden wurden immer seltener, in denen er mit seinem theuern Herrn von der Heimath reden konnte, denn der war in alle hohen Kreise hineingezogen. Piet mußte ihn in vornehmer Livree oft begleiten, und verstand keine Sylbe Französisch, wodurch er, der ohnehin eckig und ungewandt war, in die für ihn unangenehmsten Lagen kam; das Stichblatt der verfeinerten und verdorbenen Bedientenwelt wurde, und so von einem Widerwillen erfüllt wurde, den der grundehrliche Junge nicht mehr tragen konnte. Den ganzen Brief durchwehte eine leise Schwermuth. Man las es zwischen den Zeilen, wie er am Gemüthe, am Herzen litt, wie er sich unglücklich und elend fühlte, und wie er sein Häuschen unter der Linde, sein Leben auf dem Werfte von Gorkum, im Garten van Houwening’s, in seinem, leider verlorenen, theuern Boote, als das Ziel aller seiner Wünsche ansah, als ein stilles Paradies, dahin er fürchtete, nicht mehr zurückkehren zu dürfen.

Elsje trocknete sich eine stille Thräne und reichte dann, als ihre Herrin darum bat, dieser den Brief. Sie aber ging hinaus in den Garten, um das belastete Herz zu erleichtern.

Nach einiger Zeit kam Mevrouw de Groot und suchte Elsje auf.

„Suche Deine Thränen nicht zu verbergen, Kind,“ sagte die edle Frau. „Der Brief hat mir selbst welche ausgepreßt. Das ist ein am Heimweh leidendes Gemüth, das so wahr, so natürlich, und darum so ergreifend sein Leid ausspricht. Leider wird ihn nun der Mutter Tod noch mehr ergreifen, noch tiefer beugen. Und dennoch muß er getröstet werden. Niemandem wird das besser gelingen als Dir, meine Tochter!“

„Ach,“ sagte Elsje, „ich will ihm schreiben –“

„Nein, Kind, so mein’ ich es nicht,“ fuhr Maria de Groot fort, „so nicht, vielmehr ist es meine Meinung, Du sollst ihn mündlich trösten!“

„Ach. Ihr scherzet grausam, gnädige Frau!“ seufzte das Mädchen und sah zur Erde.

„Scherzen, Kind? Ich scherze nicht!“ sprach Frau de Groot. „Willst Du mich allein nach Paris reisen lassen, wenn ich schon Uebermorgen dahin aufbreche?“

Elsje erschrak heftig. Sie sah ihre Herrin mit starren Blicken an.

„Nun, antworte mir,“ sagte lächelnd mit ihrer jedes Herz bezwingenden Freundlichkeit Frau de Groot. „Wirst Du mich verlassen auf dieser Reise, Du, die Du meine Rechte, mein Verstand, mein Wille warst als ich den Gatten rettete? - Kind, willst Du mich allein gehen lassen?“

Da sprang Elsje auf und eilte in die geöffneten Arme der Herrin, die ihre Freundin war. Sie ruhte an der treuesten Brust, die sie lieb hatte, wie die eigene Mutter.

„Ja, ich begleite Euch!“ rief sie, und eine Reihe Bilder eilte im Fluge an ihrem Geiste vorbei, wie sie das Gefühl nur hervorzaubern konnte, welches Piet’s Brief so mächtig geweckt.

Beide gingen in das Haus, um der Aeltern Einwilligung zu holen. Sie empfingen sie, und rasch wurden die Vorbereitungen zur weiten Reise betrieben, und diese endlich am bestimmten Tage angetreten, begleitet von den Segenswünschen treuer, liebender, besorgter Herzen.



IX.

Es war eine geraume Zeit später, als an einem Abende, da Hugo de Groot bei Hofe war, Piet zu Hause am Kamine saß, darin ein lustig Feuer brannte. Der arme Junge war krank; aber leiblich war die Quelle der Krankheit nicht; sie saß tief im Gemüthe. Und dennoch war er leiblich krank. Er fühlte sich so matt, so kraftlos; er hatte gegen Speise und Trank einen Widerwillen und fast immer war sein Auge voll Thränen, denn seine Gedanken waren daheim, bei seinen Lieben.

Herr de Groot hatte kaum Zeit, sich um den Zustand Piet’s zu kümmern, so war er von allen Seiten in Anspruch genommen. Da war der arme Junge sich selbst, seinen Gedanken, seinem Heimweh preisgegeben, und der Arzt, den ihm de Groot hielt, schüttelte den Kopf und meinte, aus dieser Krankheit werde er nicht klug, sie sei in Frankreich nicht zu Hause.

Piet hörte, als er am Kamine saß, außen Tritte. Er ging

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855). Leipzig: Ernst Keil, 1855, Seite 393. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1855)_393.jpg&oldid=- (Version vom 9.9.2019)