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Seite:Die Gartenlaube (1855) 303.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855)

Kienbrand, aber noch ehe diese Vorbereitungen zu Ende waren, tönte ein eigenthümlicher Schrei zu uns, der unser Blut erstarren machte. Die Indianer sprangen sogleich auf, ergriffen ihre Tomahawks und rannten nach dem Thal. Sie kannten die Bedeutung dieses Schreies – es war der Todesruf eines ihrer Stammgenossen.

Sie liefen denselben Weg entlang, den wir am Morgen gebahnt hatten, und die, welche ihre Büchsen geladen hatten, folgten ihnen. Mit ängstlicher Spannung beobachteten wir sie von der Plattform aus, aber noch ehe sie die Stelle erreichten, sahen wir, daß Alles vorbei war, und wir folgten ihnen schweigend mit den Augen. Endlich kamen sie an. Auch sie standen schweigend still, denn das Loos des Tapferen, der mit dem Bären gerungen hatte, war entschieden. Es war ein Shawano-Krieger, der sein Leben eingebüßt hatte, indem er sein Scalpirmesser dem Bären in’s Herz stieß.

Die Mahlzeit war theuer erkauft, die uns des Bären Fleisch darbot, vielleicht hatte dieses eine Opfer aber viele Leben gerettet. Wir hatten jetzt den Bären, den Büffel und zuletzt noch die Manna-Wurzel. Damit reichten wir nun glücklich aus, denn nach ein paar Tagen trat Frost ein und der Schnee wurde so hart, daß wir ihn überschreiten und die wärmern Regionen aufsuchen konnten, wo es uns nicht an Wild fehlte.




Literarische Aquarellen.
In Briefen an eine Dame von Feodor Wehl.
I.
Georg Spiller von Hauenschild.

Es ist mir sehr angenehm zu hören, mein liebes Fräulein, daß Sie sich noch immer mit inniger Freude der Stunden erinnern, die wir im Hause Ihres Herrn Bruders so oft in Gesprächen über Literaturgegenstände zugebracht haben. Ich wohnte damals in Ihrer Nachbarschaft und kam gern gegen Abend mit irgend einem neuen Buche in der Hand zu Ihnen, um Ihnen, Ihrer Schwägerin und Fräulein Pauline daraus vorzulesen. Es geschah dies im Sommer bei schönem Wetter unten im Garten, bei schlechter Witterung oder im Winter oben in dem traulichen Balkonzimmer, das ich mit seinen Tapeten, Bildern, Möbeln und Nippes noch so deutlich vor mir sehe, daß ich es malen könnte. Der runde Tisch, um den wir uns da zu versammeln pflegten, stand mitten in dem kleinen Gemach gerade vor der Balkonthüre, der ich selbst immer gegenüber meinen Platz einzunehmen liebte, während Frau Laura und Fräulein Pauline links davon um den Theeständer und Sie rechts ihnen gegenüber saßen, mit irgend einer leichten Handarbeit beschäftigt.

Es sind Jahre seitdem vergangen und wir sämmtlich beinahe in alle vier Winde auseinander gestreut. Sie leben wieder am Rhein in Ihrem älterlichen Hause, Frau Laura mit ihrem Gatten in Paris und Fräulein Pauline, welche die einzige ist, die zurückgeblieben, sehe und spreche ich so selten einmal, daß sie mir fast nicht weniger abwesend gelten darf, als Sie andern alle. Ein einzelner Freund, der uns verläßt, entzieht uns durch sich selbst schon viel, aber noch weit mehr wird uns durch den Abgang einer ganzen Familie entzogen, und zwar deswegen, weil mit ihr uns auch eine Menge anderer Beziehungen verloren gehen, zu denen wir durch sie gelangt waren. Bei dem Fortgange von Ihres Herrn Bruders Familie habe ich das besonders schmerzlich empfunden, denn die Lücke, die dadurch in meinen Umgang gekommen, ist mir eigentlich nie wieder ausgefüllt worden.

So lange Sie und die Familie Ihres Herrn Bruders hier waren, ging ich nie an die Lektüre irgend eines poetischen Werkes, ohne zuvor bei Ihnen vorgefragt zu haben. Ich wußte ja, daß ich da immer, wenn nicht allzu viel Fremde anwesend oder Sie alle selbst nicht aus waren, theilnehmende Seelen fand. Ihren Herrn Bruder nahmen nach Tisch sein Consulat und seine anderweitigen Geschäfte noch immer auf ein paar Stunden in Anspruch, und während dieser, wußte ich, waren dann seine Tanten mehr oder minder auf sich selbst angewiesen. Da kamen mein Lesen und mein Gespräch Ihnen dann gar wohl zu statten. Noch neulich, als ich nach langem Zwischenraume Fräulein Pauline wieder einmal sprach, rechnete sie mir in liebenswürdiger Dankbarkeit vor, was Sie durch mich Alles hatten kennen lernen. Und ich muß gestehen, ich war selbst erstaunt, es so viel zu finden. Es gäbe, Buch an Buch gereiht, eine ganz artige Handbibliothek, in der man den „Kosmos“ von Humboldt, die neuern Werke von der George Sand, von Lamartine, die damals eben erscheinenden Gedichte von Alfred Meißner, Moritz Hartmann und manches andere immerhin Werthvolle und Bemerkenswerthe antreffen könnte. Auch die Publikationen von Max Waldau habe ich Ihnen zuerst zugeführt. Fräulein Pauline erinnerte mich an das Interesse, mit dem Sie seinen Roman „Nach der Natur“ zuhörten und an die Sensation, welche die „Cordula“ unter Ihnen erregte.

Ich habe noch ganz wohl im Gedächtniß, daß ich damals dem Dichter eine briefliche Mittheilung darüber machte und wie er diese aufgenommen, beweist mir eine Stelle aus seinen Briefen, die ich aus seiner Correspondenz mit mir hervorgesucht habe, und welche lautet: „Sie freuen sich auf meine Person!! Lieber Himmel, ich, der ich so gern von Herzen heiter sein möchte, bin anfort ein sehr langweilig trüber Kumpan geworden. Gottschall hat es erprobt. Indeß komme ich hoffentlich so befreit als möglich und werde schon sehen, daß Sie keine Schande an mir haben, wenn Sie Ihre Güte so weit ausdehnen wollen, mich mit liebenswürdigen und nachsichtigen Menschen bekannt zu machen. Bin ich auch nicht mehr frischgrünes Laub, so bin ich doch auch noch nicht dürr und vertrocknet, man müßte denn meine Magerkeit so taufen wollen.“

Dies schrieb er von seiner Besitzung Tscheidt bei Bauerwitz in Schlesien aus am 18. August 1852 an mich, zu einer Zeit, da er im Sinne hatte, seinen Verleger Campe, Freund Gottschall und mich in Hamburg zu besuchen. Die Krankheit, der er kürzlich in der Blüthe seiner Jugend erlegen ist, kam dazwischen und so ist aus seiner Hierherkunft nichts mehr geworden.

Ich habe ihn nur einmal und zwar blos im Vorüberstreichen gesehen, und da ich weiß, daß Sie sich, mein liebes Fräulein, für diesen Autor besonders interessiren und mich durch Fräulein Pauline haben auffordern lassen, die literarische Unterhaltung, die ich mit Ihnen sonst mündlich gepflogen, doch gelegentlich einmal schriftlich fortzusetzen, so glaube ich das nicht besser thun zu können, als indem ich an meine flüchtige Begegnung mit ihm anknüpfend, versuche, Ihnen ein Bild von ihm und seinem schriftstellerischen Wirken zu geben.

Daß ich diesen Versuch hier in der „Gartenlaube“ gedruckt erscheinen lasse, geschieht, weil Sie, wie ich gleichfalls von Fräulein Pauline erfahren, Abonnentin dieser Zeitschrift sind und mir scheint, daß wohl auch die übrigen Leser derselben einiges Interesse daran nehmen könnten.

Max Waldau ist kein großer, weithin Epoche machender, aber doch jedenfalls ein angenehmer und wohl zu respektirender Autor, dessen eigentlicher Name Georg Spiller von Hauenschild lautet, und mit dem sich etwas vertraut zu machen, wohl der Mühe verlohnt.

Als ich im Sommer 1850 nach längerer Abwesenheit nach Hamburg zurückgekehrt war, befand ich mich am Tage meiner Ankunft mit mehreren Bekannten vor dem, an der besuchtesten Promenade gelegenen, sogenannten Alsterpavillon, als ich plötzlich an diesem ein Menschenpaar vorübergehen sah, dessen Anblick mich frappirte. Der Herr war hoch und schlank und von jenem leichten, ich möchte sagen, beflügeltem Gange, wie er nur künstlerischen und hochstrebenden Naturen eigen zu sein pflegt. Es lag eine Art Rhythmus darin, ein gewisses Etwas, das ich in der Bewegung von Dichtern schon oft getroffen. Das dunkle Haar war voll und lockig nach dem Nacken zurückgeschlagen und nur lose

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855). Leipzig: Ernst Keil, 1855, Seite 303. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1855)_303.jpg&oldid=- (Version vom 6.6.2023)