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Seite:Die Gartenlaube (1855) 287.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855)

„Hurrah, wir haben sie!“ schrie die Stimme Victor’s, die mir nur zu wohl bekannt war. „Reißt sie aus dem Wagen. Mit dem Wachtmeisterchen auf dem Bocke nehme ich es auf.“

Die kräftige Faust des Menschen fiel den Pferden in die Zügel. Die Thiere standen.

Der Wagen war von zwanzig Menschen umgeben.

Der Kutscher hieb auf die Pferde. Es war vergebens. Er hieb nach dem Räuber, der sie festhielt.

„Schlagt den Hund von Kutscher todt,“ schrie der Räuber auf litthauisch.

Vier Kerls rissen den Kutscher vom Bocke.

Matz schlug mit seinem Säbel auf sie ein.

Den Augenblick ersah der lange Räuber. Er ließ die Pferde los, sprang von hinten auf den Executor zu und faßte ihn in den Nacken, um ihn gleichfalls vom Bocke zu reißen.

Victor war die Seele des Ueberfalls. Es galt die äußerste Nothwehr. Ich bedachte mich nicht länger. Beide Hähne des Terzerols hatte ich schon früher gespannt.

Ich zielte nach dem Kopfe des Räubers. Ich drückte los.

Er fiel zur Erde.

Aber nicht er allein. Er riß den Executor mit sich nieder.

Ich hatte ihn getroffen, aber nicht tödtlich.

Er wüthete. „Hunde,“ schrie er, „Jetzt sollt Ihr Alle sterben.“

Er stieß die Worte abgebrochen hervor, gurgelnd, unter heftigem Ausspucken.

Ich mußte ihn im Gesichte getroffen haben, so daß das Blut ihm in den Mund drang. So hörte sich sein Sprechen an, sehen konnte man in der Finsterniß nichts.

Matz und der Räuber balgten sich an der Erde.

Der Schuß schien die Anderen erschreckt zu haben. Sie wichen von dem Wagen zurück.

Ich sprang aus dem Wagen, um den Executor von dem Räuber zu befreien. In demselben Augenblicke fühlte ich mich gelähmt. Einer der Räuber hatte mir eine Schlinge um den Hals geworfen. Ich wurde zu Boden gerissen.

Ein Kerl kniete sich auf mich.

Die stechenden grauen Augen des Mörders Trinkat leuchteten in wildem Hohne über mir. Kräftige Fäuste wanden mir das Terzerol aus der Hand.

Den Executor Matz hörte ich neben mir nur noch stöhnen. Das Balgen hatte ein Ende genommen. Auch er war überwältigt, von der Menge bezwungen. So waren wir denn nach sehr kurzem Kampfe verloren.

Meine arme Frau!

Ich konnte mich nicht einmal nach ihr umsehen. Eine Menge von Fäusten hatten mir rasch Hände und Füße gebunden. Meinen Kopf hielt Trinkat fest. Ich konnte mich nicht rühren.

„Habt Ihr ihn fest?“ fragte auf litthauisch die Stimme Victor’s; aber noch an der Erde und noch immer gurgelnd und ausspuckend, und wie es schien, schwächer.

„Fest gebunden,“ antwortete Trinkat.

„Und die Frau? Ich sehe sie nicht. Reißt die Frau aus dem Wagen.“

„Muth, Muth, mein Kind!“ rief ich. „Der Herr wird uns beistehen.“

„Und was dann weiter, Victorchen, mein Freund?“ fragte Trinkat.

„In den Wald hinein. Mit ihnen allen. Bis der Schlom Schwarzbart kommt. Wir dürfen ihm die Freude nicht verderben. Und mich schleppt nach. Der verdammte Hund. Ich kann nicht aufstehen. Er hat mir die Backe entzwei geschossen. Er wird dafür büßen. Voran, voran!“

„Langsam, langsam,“ rief auf einmal in einiger Entfernung eine laute Stimme.

Der Trab eines Pferdes wurde hörbar.

Die Stimme schien mir bekannt zu sein. Sie lautete wie die des Juden Schlom Weißbart. Aber doch auch wieder anders.

„Schlom, Schlom Schwarzbart!“ riefen einige der Räuber.

Unser Schicksal mußte sich entscheiden. Freilich wie?

Der Trab des Pferdes war näher gekommen. Ein Mann sprang von dem Pferde.

„Habt Ihr sie Alle?“ fragte er.

Es war nicht die Stimme Schlom’s Weißbart. Sie hatte Aehnlichkeit mit dieser. Aber sie war tiefer, rauher.

„Alle,“ war die Antwort.

„Auch die Frau?“

„Auch die Frau!“

„Wo ist der Richter? Der strenge Richter?“

„Hier, hier, Schlom Schwarzbart.“

Ein jüdisches Gesicht beugte sich über mich, mit dunkelen, großen Augen, mit einem langen, glänzend, schwarzen Barte.

„Schlom Weißbart,“ wollte ich rufen. Aber der Bart war nicht der Bart des Schlom Weißbart; mir fiel die Aehnlichkeit ein, welche die beiden Juden mit einander haben sollten. Der Wütherich Schlom Schwarzbart stand vor mir.

„Was soll mit ihnen geschehen!“ fragte einer der Räuber den Juden.

„Aufgehängt sollen sie werden,“ schrie Victor. „Aufgehängt an den nächsten Bäumen. Sogleich! schnell!“

„Aufgehängt,“ wiederholte auf litthauisch der Mörder Trinkat. „Wollten sie doch auch uns an den Galgen und auf das Rad bringen.“

Meine Frau ward aus dem Wagen gerissen. Man legte sie neben mir an die Erde. „Unsere armen Kinder,“ rief sie mir zu. „Und doch kann der Herr uns noch Hülfe senden.“ Sie suchte meine gebundene Hand und hielt sie fest in der ihrigen. Auch jetzt fühlte ich sie nicht zittern.

„Männer,“ erhob sich die Stimme des Juden auf litthauisch. „Es ist jetzt genug.“

„Was ist genug, Jude!“ schrie wüthend Victor. „Gehängt sollen sie werden.“

„Bist Du ein Narr, Victor?“ sagte der Jude zu diesem auf Deutsch. „Ich habe Dir gethan Deinen Willen, bis hierher. Aber nun ist es genug.“

„Gehängt sollen sie werden, Alle,“ schrie der lange Räuber wüthender.

„Bindet sie los!“ befahl der Jude auf litthauisch den Anderen.

„Hängt den Juden mit ihnen auf,“ schrie Victor.

„Bindet sie los,“ wiederholte der Jude befehlend.

„Trinkat, hänge den Juden auf,“ schrie Victor.

Aber Trinkat rührte sich nicht.

„Bindet sie augenblicklich los,“ befahl der Jude zum dritten Male.

Wir wurden losgebunden.

Als ich mich aufrichtete, stand Schlom Weißbart vor mir, mit seinem listigen, freundlichen Gesichte, lächelnd, den weißen Bart streichend.

Der Jude hatte den schwarzen Bart abgenommen.

„Der Herr ist gewesen brav gegen mich,“ sagte er. „Brav gegen mich und meine Frau. Bleibe der Herr immer brav gegen die armen Leute. Ist doch auch der Spitzbube ein Mensch.“

Er schwang sich auf sein Pferd.

„Mir nach!“ rief er.

Er ritt zurück, nach der Plein zu. Die Bande folgte ihm.

Drei von ihnen nahmen den verwundeten Victor auf die Schultern, den der Blutverlust stiller gemacht hatte.

Wir setzten ungehindert unsern Weg fort.

Nur der brave Executor Matz jammerte. Man hatte ihm seinen Säbel und sein Doppelterzerol nicht zurückgegeben.


Ueber die weitern Schicksale aber und das Ende des schwarzen Weißbart erzähle ich den Lesern der Gartenlaube hoffentlich bald ein Mehreres.



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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855). Leipzig: Ernst Keil, 1855, Seite 287. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1855)_287.jpg&oldid=- (Version vom 4.11.2021)