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Seite:Die Gartenlaube (1855) 230.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855)

Segnung des Priesters!“ rief Fritz in einer furchtbaren Aufregung. „Die Försterstochter hätten Sie nie vor der Welt anerkannt, auch wenn Ihr Vater seine Einwilligung dazu gegeben. Um das Mädchen, das ich liebte, vor Schmach und Schande zu retten, brachte ich sie zu meinem alten Vater, der oben im Gebirge eine einsame Hütte bewohnt, denn Sie sollten sie nur dann wiedersehen, wenn ihr Anblick eine Strafe sein würde. Das Opfer Ihres Leichtsinns ließ sich willig leiten, denn eine tiefe Schwermuth hatte sich ihrer bemächtigt, die sie willenlos und aller Welt verschlossen machte. Ich aber blieb bei Ihnen, Herr Baron, brachte Ihnen die falsche Nachricht von dem Tode Ihrer Frau und beförderte eine neue Verbindung. Ich war aus Haß Ihr treuer Diener. Bewundern Sie mich, mein Herr – die Rache ist gelungen, denn Sie können sich des Besitzes einer reizenden Gemahlin nicht erfreuen, da Sie außer ihr noch eine blödsinnige haben. Erklären Sie sich nun, wie das Blatt in jenes Portefeuille gekommen? Durch meine Hand – und Herr von Funcal erfuhr es von mir, weil ich Ihre Liebe zu der schönen Fremden noch mehr reizen und ein Duell herbeiführen wollte, in dem Sie entweder zum Mörder werden oder selbst fallen mußten. Herr von Funcal rechnete so fest auf meine Hülfe, daß er im Voraus Ihren Tod anzeigte – ich aber hatte meinen Plan geändert, als ich sah, wie Sie Feuer und Flamme für die unbekannte Schöne waren; ich machte den getreuen Boten, um eine Doppelehe herbeizuführen.“

„Scheusal! Scheusal!“ rief Albrecht, indem er die geballten Fäuste ausstreckte.

„Sie haben mich dazu gemacht, Herr Baron! Aber auch hier ist noch eins Ihrer Werke – vergessen Sie die arme Katharina nicht! Ich kann nicht mehr für sie sorgen, jetzt kommen Sie Ihrer Pflicht nach.“

Wie im Wahnsinn ergriff er die Hand Katharina’s, die bisher wie ein erstauntes Kind dagestanden hatte und führte sie heftig dem Barone zu. Dann stürzte er durch die Thür auf den Vorsaal hinaus.

Katharina erkannte ihren Gatten nicht wieder; sie zog sich scheu von ihm zurück und sah die beiden Funcals an, als ob sie von ihnen Schutz erflehen wollte.

Eine peinliche Pause trat ein. Albrecht, der sich gewaltsam ermannte, unterbrach sie.

„Katharina,“ sagte er mit vor Schmerz bebender Stimme, „man hat uns beide verrathen! Könntest Du die Verhältnisse erfassen, Du würdest mich beklagen, wie ich die beklage, die mir die Hand des Priesters heute angetraut hat. Fast möchte ich Dich beneiden, daß es Dir versagt ist, das Leben mit klarem Geiste zu erschauen – Du bist glücklicher als ich!“

Er küßte weinend ihre bleiche Stirn. Dann zog er die Glocke. Der alte Kastellan trat zitternd ein.

„Tragen sie Sorge für diese Frau, ich fordere sie von Ihnen zurück!“

Katharina ließ sich geduldig und schweigend aus dem Saale führen. Der Baron hatte einige Augenblicke sinnend auf einem Stuhle gesessen. Bleich, aber gefaßt erhob er sich plötzlich.

„Meine Herren,“ sagte er mit fester Stimme, „Sie spielen eine traurige Rolle. Mit einem schurkischen Bedienten haben Sie sich verbunden, um des elenden Mammons wegen zwei Menschen in das Verderben zu stürzen. Ich sehe es an Ihren höhnenden Mienen, daß Sie mich zerschmettert und allen Ihren Forderungen fügsam wähnen – Sie irren, denn mit männlichem Muthe werde ich dem heraufbeschworenen Schicksale die Stirn bieten. Für heute verlassen Sie mich, und denken Sie nicht daran, je einen Einfluß auf die arme Amalie auszuüben. Die Entscheidung über die obschwebenden Fragen wird die Kirche und die weltliche Behörde übernehmen.“

„Herr Baron,“ sagte der alte Graf, „ehe wir gehen, fordere ich die Entscheidung Amaliens –“

„Worüber?“

„Ob sie ihrem Vormunde folgen oder in dem Schlosse bleiben will, das jenes arme Geschöpf unter seinem Dache birgt.“

„Sie haben recht!“ rief Albrecht. „Diese Entscheidung darf ich nicht weigern, es ist selbst meine Pflicht, sie ihr anzutragen.“

„Sie befindet sich dort in dem Kabinette!“ flüsterte lächelnd der Graf.

Albrecht ging festen Schrittes der Thür zu und öffnete. Amalie, deren bleiches Gesicht in Thränen gebadet war, trat ihm entgegen. Wie geblendet von der hohen, himmlischen Erscheinung der jungen Frau im einfachen Schmucke des Brautkranzes, bebte er zurück. Die Sprache versagte ihm bei dem Gedanken, daß ihm das höchste Lebensglück verkümmert sei. Von einem wüthenden Schmerze gefoltert, bedeckte er mit beiden Händen sein Gesicht. Amalie warf einen schmerzlichen Blick auf den zerschmetterten Mann. Dann trat sie den Funcals entgegen.

„Herr Graf,“ sagte sie bewegt, „ich war eine unfreiwillige Zeugin von der erschütternden Scene, die Sie so boshaft vorbereitet, und es ist mir möglich geworden, mir ein Urtheil über die stattgehabten Vorgänge zu bilden. Das Bekenntniß Ihres Genossen, des treulosen Dieners, läßt mich Ihre Absicht deutlich erkennen. Mein Gatte hat es von meinem Entschlusse abhängig gemacht, wo künftig mein Aufenthalt sein wird. So vernehmen Sie denn, daß ich es vorziehe, die Entscheidung der Behörden hier zu erwarten, als einem Manne zu folgen, der sich der Fälschung von Papieren schuldig gemacht hat. Der Baron von Beck wird mich zu ehren und seine Einrichtungen danach zu treffen wissen.“

Mit einer Verneigung entließ sie die Gäste, die sich spöttisch lächelnd, um ihre Verlegenheit zu verbergen, entfernten.

„Amalie, Amalie,“ rief Albrecht, „verlassen Sie mich nicht, bleiben Sie, mein rettender und schützender Engel!“

„So lange es mir das Gesetz und meine Ehre gestatten!“

„Bleiben Sie die Herrin von Heyerswyl – ich erkenne meine Pflicht und werde sie erfüllen!“

„Wie ich die meine, die mir der Segen des Priesters auferlegt!“

Er stürzte zu ihren Füßen nieder und küßte ihre Hände. Dann verließ er rasch den Saal. Eine Stunde später blickte Amalie von dem Balkon einem Wagen nach, der ihren beklagenswerthen Gatten nach der Residenz brachte, wo er selbst seine Angelegenheiten der richterlichen Entscheidung unterbreiten wollte. Die junge Frau blieb auf Heyerswyl zurück; sie fand in dem alten Kastellan einen väterlichen Freund.




Ein harter Winter war verflossen. Der Rechtsanwalt des Barons hatte einen Prozeß gegen den Grafen Funcal und den verbrecherischen Diener eingeleitet. Aber Fritz war verschwunden, trotz der mehrfach ergangenen Aufforderung stellte er sich nicht vor Gericht; es war demnach nicht möglich, die Untersuchung zu beschleunigen. Albrecht, der eingezogen wie ein Anachoret in Wien lebte, erfuhr durch Briefe seines Kastellans, daß Amalie in ruhiger Ergebung auf Heyerswyl weilte und oft Besuche in dem Forsthaus abstattete, wo die ihres Verstandes beraubte Katharina sich befand. Zwischen den beiden Gatten hatte kein Briefwechsel stattgefunden, sie vermieden es, in irgend eine Beziehung zu einander zu treten.

Es war in der Pfingstwoche, als Albrecht gegen Abend in seinem Zimmer saß. Sein Advokat hatte ihn so eben verlassen und die Nachricht gebracht, daß der Graf von Funcal den Befehl erhalten, Rechnung über das Vermögen Amaliens abzulegen und die fernere Verwaltung desselben einem Regierungs-Commissar zu übergeben. Auf einen günstigen Beschluß des geistlichen Gerichts hatte er wenig Hoffnung gemacht, da die katholische Confession eine völlige Ehescheidung nicht gestatte, und Katharina als die erste Gattin die ersten Rechte besitze. Aus den ergangenen Verhandlungen habe sich indeß schon so viel ergeben, daß ihm seine zweite Heirath nicht als ein Verbrechen angerechnet werden könne, da eine Fälschung der Papiere durch die beiden Funcals, welche die am Hochzeitstage abgegebene Erklärung des Dieners als Zeugen bestätigt hatten, erwiesen sei.

Albrechts trostlose Lage läßt sich denken. Da meldete ihm sein Diener eine Dame an. Hastig öffnete er die Thür und Amalie in Trauerkleidern trat ein. Der Kastellan begleitete sie.

„Armer Freund,“ rief sie unter Thränen aus, „unser Wiedersehen ist ein schmerzlich-freudiges! Ich selbst habe es übernommen, Ihnen die Nachricht von dem Tode Katharinens zu überbringen – sie verschied in meinen Armen! Gott hat sie einem Leben entrückt, dessen nur noch ihr Körper theilhaftig war. Nehmen Sie mich hin, Albrecht, ich kann nun Ihre Gattin vor Gott und er Welt sein!“

Still weinend sanken sich Beide einander in die Arme.

Der Kastellan berichtete, daß die Försterburschen des alten

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855). Leipzig: Ernst Keil, 1855, Seite 230. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1855)_230.jpg&oldid=- (Version vom 9.9.2019)