Zum Inhalt springen

Seite:Die Gartenlaube (1855) 222.jpg

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Verschiedene: Die Gartenlaube (1855)

Und wo in England mit Geschick

50
Die Beefsteaks immer gerathen,

Heißt „Ritter Ochsenlendenstück“
Noch heut der herrliche Braten. –

Und seit dem weltgeschichtlichen Tag
Spielt auch in anderen Staaten

55
Bei manchem festlichen Ritterschlag

Oft mit ein Rinderbraten.[1]




Ueber Frauenbestimmung.

Von Professor Biedermann.
III.
Die Frauen in der Kunst, der Literatur und der Wissenschaft.


Auf dem Gebiete der Kunst findet weibliches Talent seine erfolgreiche Anwendung überall da, wo es das Auffassen und Wiedergeben einzelner, vorzugsweise sinnlich lebendiger Empfindungen, äußerer Eindrücke, wechselnder Situationen gilt. Daher ist im Allgemeinen die ausübende oder nachbildende Kunst mehr im Bereiche weiblichen Kunsttriebes gelegen, als die frei schaffende, namentlich als die Hervorbringung größerer, zusammenhängender Gestalten. Selbst in der Musik, diesem eigentlichsten Reich der lebendigen und wechselnden Empfindungen, haben sich die Frauen zwar wohl als ausübende Künstlerinnen mehrfach ausgezeichnet, als selbstständig gestaltende, als Componisten, wenigstens im großen Style, noch niemals. In der Malerei und den sogenannten bildenden Künsten überhaupt scheint selbst die Beherrschung der äußeren Technik, das Nachbilden von Kunstwerken, für die Frauen mit größeren Schwierigkeiten verbunden; selbstschöpferisch aufzutreten, ist hier nur wenigen, von der Natur besonders hochbegabten vergönnt gewesen; und, wenn die Bildhauerarbeiten einer Marie von Würtemberg Bewunderung erregten (hauptsächlich doch auch nur als die Werke eines von Frauenhand und von fürstlicher Frauenhand geführten Meißels), so hat das, wenn schon nicht unbedeutende Talent einer Angelica Kaufmann, selbst unter der Aegide Goethe’scher Gunst oder Fürsprache, doch einen eigentlich hervorragenden Platz unter den Meistern der Malerei nicht einzunehmen vermocht. Das Portrait dürfte diejenige Kunstform sein, welche der weiblichen Kunst noch am Ersten Aussicht auf Erfolg verspricht, weil hier am Meisten das Individuelle, Persönliche vorwaltet. Und doch steht zu bezweifeln, ob es jemals einem weiblichen Pinsel gelingen werde, jenen tiefen Ausdruck eines ganzen, gleichsam bis in’s Innerste aufgeschlossenen Geisteslebens, einer ganzen in sich vollendeten Persönlichkeit in die Umrisse eines Kopfes zu legen, wie wir sie an den Portraits eines Van Dyk, Rembrandt, Cranach, Vogel von Vogelstein, Delaroche, eines Thorwaldsen, Dannecker und Rauch bewundern.

In der Dichtkunst scheinen Lyrik und Roman, die Darstellung von Gefühlen und die Darstellung von Situationen diejenigen Gattungen zu sein, welche der Eigenthümlichkeit des weiblichen Geistes am Meisten entsprechen. Aber auch auf dem Gebiete der Lyrik haben sich nur wenige Frauen mit Glück versucht; Bleibendes hat, wenn wir etwa jene ältesten Gedichte der griechischen Sappho abrechnen, keine einzige geleistet. Es fehlt den Frauen hier im Allgemeinen jene Naivetät des Gefühls, welche sich über die einzelne Empfindung erhebt und einen ganzen weiten Kreis von Erregungen des Seelenlebens gleichsam frei darüber schwebend beherrscht. Gerade das zu leichte Sichversenken in die einzelne Empfindung und dabei wieder das rasche Abspringen zu anderen Empfindungen, mit einem Worte, das Beherrschtwerden von dem äußeren Eindruck und der Mangel an innerer Kraft, ihn zu bewältigen, ihn einer größeren Gefühlsreihe einzuordnen, das ist es, was die Frauen immer hindern wird, bedeutende Erfolge auf dem Felde der Lyrik zu erreichen.

Besser ist ihnen dies mit dem Roman gelungen, obschon auch hier nur innerhalb einer gewissen Grenze, welche nur einzelne bevorzugte weibliche Genien, wie etwa in der neuesten Zeit eine Madame Georges Sand, eine Currer Bell, eine Lady Blessington u. A., zu überschreiten vermocht haben.

Solche ganz vereinzelte Ausnahmen abgerechnet, fehlt den Frauenromanen meist die rechte Kraft und Tiefe in der Zeichnung und Entwicklung der Charaktere, so wie die Fähigkeit, einen großen weit angelegten Stoff richtig zu vertheilen und zur künstlerischen Einheit zusammen zu fassen. Wo es dagegen mehr auf die Schilderung einzelner Situationen – des häuslichen oder geselligen Lebens – (besonders der vornehmern Kreise), auf die Hervorhebung bestimmter Seiten des menschlichen Charakters, namentlich der mehr empfindsamen, oder auf die Darstellung gewisser Aeußerlichkeiten, Gesellschaftsformen u. dgl. ankommt, da sind die Frauen als Schriftstellerinnen ganz an ihrem Platze, da trägt ihr freies Beobachtungstalent und ihre leichte Hand nicht selten den Sieg über die schwerfällige Gründlichkeit der Männer davon.

Auf diesem Gebiete bewegen sich jene vielgelesenen Romane einer Henriette Gonder, Friederike Bremer, Flygare Carlén – im höhern Style eine Frau v. Paalzow u. A. Aber auch in diesen engern Grenzen sind selber die begabteren unter den schriftstellenden Frauen selten ganz frei geblieben von einer gewissen Einseitigkeit und Manier, indem sie bald mit zu großer Vorliebe bei der Ausmalung von Aeußerlichkeiten verweilen, (ein Fehler, an welchem z. B. der größere Theil der, im Uebrigen nicht selten eine mehr als weibliche Feder verrathenden historischen Romane der Caroline Pichler leidet), bald in der Schilderung von Charakteren in Uebertreibungen verfallen oder ebenfalls zu viel Werth auf Aeußerliches und Unwesentliches legen (wie die affectirt aristokratischen Romane der Gräfin Ida Hahn-Hahn), bald endlich einer allzu empfindsamen, zu geflissentlich auf Erregung des moralischen und religiösen Gefühls berechneten Stimmung sich hingeben – ein Vorwurf, den man, von ästhetischem Standpunkte aus, den meisten der jetzt so rasch emporschießenden und so viel Aufsehen erregenden Erzeugnisse der nordamerikanischen Frauenromanliteratur machen muß, selbst den Uncle Tom nicht ganz ausgenommen. Freilich sind dies Fehler und Mängel, welche auch nicht wenige männliche Romanschriftsteller mit jenen weiblichen theilen.

Epos und höheres Drama scheint den Frauen versagt zu sein. Wenigstens ist bis jetzt noch kein bedeutenderes Produkt dieser Gattung von ihnen ausgegangen, wogegen das sogenannte bürgerliche Schauspiel und insbesondere das Conversationsstück wohl im Bereiche weiblichen Talents liegen möchte, wie denn mindestens große Gewandtheit, neben außerordentlicher Fruchtbarkeit, der Hauptvertreterin dieses Genre in der heutigen weiblichen Schriftstellerwelt, der Madame Birch-Pfeiffer, nicht abzusprechen ist.

Wenn so im Allgemeinen im Fache der dramatischen Kunst die Frauen selbstschöpferisch nur eine untergeordnete Rolle spielen, so haben sie dagegen als Darstellerinnen, die Gedanken der Dichtung nachschaffend und in das Bereich lebendiger Anschauung erhebend, Ausgezeichnetes geleistet und sich den Männern vollkommen ebenbürtig zur Seite gestellt, nicht blos im geselligen Schauspiel, sondern auch auf dem erhabenen Kothurn des großen weltgeschichtlichen Drama’s und der Oper höhern Styls. Die Namen einer Schröder, Neumann, Schröder-Devrient, Rettich, Mars, Rachel u. A. werden neben denen eines Talma, L. Devrient und ähnlichen immerfort ihren Glanz behaupten.

Jene zwanglosere Behandlung von Gegenständen der Beobachtung,


  1. Sir Loin of beef. – Sir loin oder vielmehr sur loin heißt bekanntlich im Englischen das Lendenstück (vom Rinde), Sir aber ist das Ehrentitelwort der Ritter und Barone; es lag demnach nahe, das Lendenstück zu adeln, indem man aus sirloin Sir Loin machte. Den Scherz erzählt schon Swift.
Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1855). Leipzig: Ernst Keil, 1855, Seite 222. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1855)_222.jpg&oldid=- (Version vom 4.8.2023)