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Seite:Die Gartenlaube (1855) 216.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855)

dieselben nicht gern beherrschen, so müssen die Offiziere und Führer derselben Männer von Energie sein, die strenge Disciplin halten, freilich nicht gamaschenartige, sondern gelegentlich über unschuldiges Versehen ein Auge zudrücken; müssen sich die Liebe ihrer Soldaten erwerben, unerschütterliches Vertrauen, Achtung und wohl auch Furcht, dann ist ihnen mit solchen Leuten alles auszuführen möglich. Die Zuaven selbst rechnen zu ihren besten Offizieren Lamoricière und Cavaignac.




Blätter und Blüthen.

Karaiten von Theodosia auf der Krim. Unter den mannigfachen Völkerschaften der Krim, mit denen die Leser dieses Blattes schon übersichtlich bekannt gemacht wurden, nehmen die Karaiten in sittlicher und intellectueller Beziehung den ersten Rang ein. Der Abstammung nach sind sie Juden, aber mit besonderen Traditionen und Kulten. Ihre Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit ist auf der ganzen Krim und unter den Kaufleuten des schwarzen Meeres sprüchwörtlich bekannt. Sie sind deshalb auch im Ganzen reich, da sich Jeder an sie wendet, der sichere Handelsgeschäfte machen will, so sehr sie auch durch die Einnahme Theodosia’s (oder Kaffa’s) von den Russen litten. Die meisten Karaiten leben in dieser Stadt, nur Wenige in andern Orten und dann nicht dauernd. Sie behaupten, den Urtext des alten Testamentes in seiner reinsten, unverfälschten Gestalt zu besitzen, und an ihn halten sie sich in ihrem Religionskultus, so daß sie nicht unter den Machwerken und Pedantereien des Talmud, durch welchen die andern Juden so beschränkt werden, insofern sie für orthodox gelten wollen, zu leiden haben. Von Moses kommt in ihrem Bibeltexte gar nichts vor. Er beginnt mit dem Buche Josua. Jeder Karaite hält es für seine religiöse Pflicht, diese ganze Bibel wenigstens einmal in seinem Leben schön und rein abzuschreiben. Bei ihren sonst praktischen Verdiensten könnten sie sich leicht davon dispensiren. Doch läßt man ihnen gern ihren Glauben, der so gesunde Früchte im Leben zeitigt, sogar ihren Aberglauben, der schön poetisch ist in Bezug auf ihre Todten, von welchem wir durch den Engländer Clarke hören, indem er ihr wunderschönes „Feld der Todten“ beschreibt. „In einem abgelegenen Thale rechts von der Stadt fanden wir zwischen Bergen das heilige Thal der karaitischen Juden mit überhängenden Felsen und dicht beschattet von dicklaubigen Bäumen, unter denen sich die weißen Marmordenkmäler still und die weißen Gestalten der schönen Frauen und Töchter lebendig erhoben. Abends und Morgens in dieses schattige, grüne Thal zu gehen und mit den Seelen ihrer verstorbenen Lieben, die über ihren Gräbern schweben und den Hinterbliebenen Trost und Hoffnung zuflüstern, bildet fast die einzige Freude und Erholung der karaitischen Jüdinnen, ähnlich denen der Türkinnen, die denselben schönen Aberglauben theilen. Wenn ich etwas von ihnen haben möchte, wäre es dieser schönmenschliche Glaube.“

Was ihren Hauptsitz betrifft, Theodosia, wird die Stadt schon lange vor Christi Geburt erwähnt. Der griechische Redner Demosthenes erwähnt sie schon als die segensreichste Kornlieferin für Athen. Sie spielte eine Rolle gegen Mithridates, den großen König und Krieger des Pontus-Reiches, den furchtbarsten Feind der Römer, deren er mit seinem Heere an einem Tage über 80,000 erschlagen haben soll (120 bis 64 Jahre vor Christi Geburt). Unter Mohamed II. kam Theodosia (1474) unter türkische Herrschaft, eben so die genuesischen Colonieen des schwarzen Meeres und dessen blühende Städte zusammen, besonders seit 1672, wo der Bosporus für alle Schiffe geschlossen ward. Im Jahre 1783 fiel Theodosia nach einem harten Kampfe in die Hände der Russen. Letztere fanden nur noch 50 Familien in der alten, blühenden Handelsstadt, die bis auf wenige Häuser in einen Schutthaufen verwandelt worden war. Die Sieger machten marmorne Moscheen zu Magazinen und Pferdeställen, rissen die Minarets herunter, und herrliche Springbrunnen und Wasserleitungen auf. Am Meere standen zwei besonders prachtvolle Moscheen mit Minarets, 16 Klaftern hoch und mit um sie gewundenen Treppen, die auf die Spitze führten; aber auch sie wurden zerstört und in’s Meer geworfen. Die wenigen damals überlebenden karaitischen Familien haben sich bis jetzt noch nicht wieder zu ihrem alten Ruhme ehrlichen Handels erheben können.




Salomo und David in all ihrer Herrlichkeit. Als König David sein Allerheiligstes vollendet hatte, ergab es sich, daß für 50,000,000 Thaler Gold dafür bezahlt und hineingearbeitet worden war. Während seiner Regierung nahm er in seiner Weisheit und Psalmen-Poesie dem Volke mehr Steuern ab, als die große englische Nationalschuld beträgt, nämlich etwa 7,000,000,000, sieben tausend Millionen Thaler (889 Millionen Pfund Sterling), sagt ein Engländer, obwohl Crito blos von 798 Millionen sprach. Das Gold, womit Salomo den Haupttempel zu Jerusalem decken ließ, ward auf 276,000,000 Thaler geschätzt. Man pflegt wohl zu sagen, Gold sei ein edeles Metall und roste nicht, aber in Jerusalem, wo’s doch sehr dick lag, ist’s längst alle geworden. Jerusalem ist jetzt einer der verhungertsten Orte der Erde. Wo das Gold zu dick hinkömmt, wachsen bald Bettelstäbe. Ganz Spanien ist an den Bettelstab gekommen, weil es zu viel Gold von Potosi und der neuen Welt überhaupt heimschleppte.




Napoleon’s Schriften. Der Neffe hat bekanntlich alle Schriften des großen Onkels gesammelt, um sie in prächtigen Bänden herauszugeben. Sie werden unter Anderem über 5000 Briefe und Dokumente, die bis jetzt nicht bekannt waren, enthalten. Die interessantesten Schriftstücke der Art sind aus der Jugendzeit, als er noch nicht berühmt war und an andere gewöhnliche Leute schrieb, welche nun zum Theil die vergilbten Briefe hervorsuchten und sie der Regierung zusandten. Auch sechzig inplausible, strategische Briefe, die er während der Belagerung von Toulon an Cardinal Fesch schrieb, Erlasse an den Kultusmininster mit dem Grundsatze, daß die Kirche sich nicht in Politik zu mischen habe, Befehle, Rathschläge, Zurechtweisungen in allen möglichen Sphären des Lebens, das Aktenstück, welches die französische Komödie in Paris concessionirt, datirt von Moskau, und sonst tausenderlei authentische Ausflüsse seines kometarischen Riesengeistes mit allen seinen Widersprüchen, an denen er zu Grunde ging, wird man in den gesammelten Schriften dieses Schriftstellers finden, den man wohl überall eifriger studiren wird, als die Kinder unserer Laune.




Roman der Wirklichkeit. Nach vielen dreibändigen Romanen zu schließen, müßte eine Liebe, wo Er in Californien und Sie in Frankreich ist, ohne daß sie sich kennen oder sich nur gesehen haben, 70 Bände haben, ehe sie sich kriegen können. Und doch geht’s heutzutage sehr rasch. Die Schwester einer Dame in Montpellier heirathete vor etwa drei Jahren einen Mechaniker und wanderte mit ihm nach Californien aus, nachdem sie sich ihre schöne Schwester hatte portraitiren lassen. In Californien hing das Portrait bald über einem hübschen, häuslichen Kamine. Ein reicher Mann, der bei dem Mechaniker etwas bestellen wollte, bekam das Bild in die Augen, betrachtete es eine Zeit lang und rief dann aus: „bei Zeus, das Mädchen heirath’ ich, wenn sie in der Welt zu finden ist.“ Die Frau mußte ihm die Adresse der Schwester geben, darauf ging er eifrig davon, immer für sich wiederholend: „Bei Zeus, die heirathe ich, die heirath’ ich, unter allen Umständen heirath’ ich sie.“ Das Erste, was er that, um sich in Montpellier einzuführen, waren zwei Sendungen Geld, jedesmal 300 Thaler. Unlängst klopfte es an der Thür der schönen Schwester in Montpellier. Sie öffnete und ein derber, hübscher, bronzenfarbiger junger Herr bat um Erlaubniß, eintreten zu dürfen. Er hatte sich schon durch zwei Briefe anmelden lassen. Erröthende Verlegenheit. Eintreten. Kurze Auseinandersetzung seines Anliegens, das kein Spaß sei, da er blos deshalb vom anderen Ende der Erde gekommen sei, wo sich die Frau Schwester sehr wohl befinde. Also ja? Erst die Mutter fragen. Mutter: I nun, da und weil – obgleich, aber ihrerseits. Also richtig. Glänzende Hochzeit in Montpellier, worüber die ganze Nachbarschaft erstaunte und wovon sie Wochen lang sprach. Ende des Romans, Anfang einer glücklichen Ehe.




Die chinesische Staatszeitung. Man wundert sich über die großen englischen und amerikanischen Zeitungen, obgleich sie gegen die Peking-Zeitung, deren Redakteur der Kaiser selbst ist, sehr klein erscheinen. Sie ist der allgemeine „Moniteur“ des ganzen Reiches und enthält jedesmal eine Uebersicht aller öffentlichen Angelegenheiten und merkwürdigen Ereignisse, die an den Kaiser gerichteten Petitionen und seine Antworten darauf, seine Befehle und Instruktionen an die Mandarinen und das Volk, Gerichtsentscheidungen mit Verurtheilungen und Begnadigungen und Inhaltsangabe der Verhandlungen des Staatsrathes. Sie erscheint täglich auf 60 bis 70 Folio-Seiten und kostet nicht mehr als jährlich etwa 12 Franks. So theilt uns der Franzose Huc mit, der merkwürdigste China- und Thibetreisende, der allein und ohne Schutz nicht nur durch die ganze Breite China’s drang, sondern mitten in das verschlossene Priesterreich Thibet, das Land des Dalai-Lama, der bisher keinen Fremden in seine Mysterien eindringen ließ. Le Huc, der Missionär, kam überall mit Schlauheit, noch öfter aber mit unverschämter Courage und imponirender Tollkühnheit durch. Sein Buch ist eins der reichhaltigsten über China.


Soeben erschien:

Bock’s
Buch vom gesunden und kranken Menschen
2. Abtheilung:
das Buch vom kranken Menschen.
Mit Inhaltsverzeichniß und Register der 1. und 2. Abtheilung.
19 Bogen, geh. 25 Ngr.

In allen soliden Buchhandlungen vorräthig.

Leipzig, d. 16. April 1855.

Ernst Keil 

Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.
Empfohlene Zitierweise:
verschiedene: Die Gartenlaube (1855). Ernst Keil's Nachfolger, Leipzig 1855, Seite 216. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1855)_216.jpg&oldid=- (Version vom 18.4.2023)