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Seite:Die Gartenlaube (1855) 207.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855)

Fingerzeig Gottes, den man nicht unbeachtet lassen darf, ohne eine Sünde zu begehen. Alphons war das Werkzeug, dessen sich der Höchste bediente, um einen verrätherischen Ehemann zu bestrafen – Sie wissen, wen ich meine!“

„Also das ist es,“ dachte sie; „jetzt sehe ich klar!“

„Ich benutze den heutigen Abend, um Sie auf Ihre Zukunft vorzubereiten,“ fuhr der Graf fort. „Sie haben die Wahl zwischen Alphons und dem Kloster. Mein Wille ist der Ihres verstorbenen Vaters, und ehe das Fest der Heiligthümer vorüber ist müssen Sie eine Entscheidung getroffen haben. In den nächsten Tagen kommt Alphons – prüfen und wählen Sie!“

„Und wenn ich mich nun zu keinem von beiden entschließe?“ fragte Amalie, indem sie ihr Köpfchen keck emporhob.

Der Graf lächelte einen Augenblick still vor sich in; dann sagte er kalt und ruhig:

„Sie werden mich nicht zwingen, daß ich meine Hand von Ihnen abziehe und Sie im Namen Ihres Vaters enterbe. Hoffen Sie nicht auf Ihre Volljährigkeit, die in drei Monaten eintritt – denken Sie vielmehr daran, daß Ihre Mutter nicht die angetraute Gattin Ihres Vaters war. Er hat Ihnen seinen Namen gegeben; aber die Erwerbung seines Vermögens hängt von Ihrem Betragen ab, und dies hat der Erblasser meinem Urtheile unterstellt. Sie sehen, ich habe eine Gewissenspflicht zu erfüllen. Schlagen Sie die Hand meines Neffen aus, den ich nach meiner innersten Ueberzeugung für den einzigen Mann halte, der Sie im Sinne Ihres Vaters beglücken kann, so werden Sie den Schleier wählen müssen.“

„Und mein Vermögen?“

„Fällt nach der testamentarischen Bestimmung dem Kloster anheim, in das Sie eintreten.“

„Also in spätestens acht Tagen muß ich mich entschieden haben?“

„Ja.“

„Gut, Alphons selbst mag die Entscheidung von mir holen. Auf ein Kloster rechnen Sie nicht, Herr Graf!“

„Desto besser, Amalie, denn Ihr junges Leben hat noch Anwartschaft auf eine schöne Zukunft. Eine stille, fromme Ehe ist dem Herrn nicht minder wohlgefällig als das Klosterleben. Ich will schlafen gehen, denn das Gewitter ist vorüber. Der Himmel stärke sie in Ihrem guten Vorsatze! Gute Nacht!“

Amalie küßte dem Greise die Hand und führte ihn bis zu der Thür seines Zimmers.

„Ich müßte eine große Thörin sein, wollte ich dem frommen Grafen widersprechen!“ flüsterte sie. „Die Bewerbungen des Herrn von Funcal gaben mir den ersten Anlaß zum Argwohn, und siehe da, es bestätigt sich. Aber wie plump ist die Lüge von dem Tode des Barons ersonnen! Er soll todt bleiben, um mich den Händen meines Peinigers zu entziehen. Den unbesonnenen Schritt seiner ersten Verheirathung verzeihe ich ihm, denn er ist jung und schön, und – ich liebe ihn! Daß ich Albrecht in Spaa kennen gelernt, ist eine Fügung der Vorsehung, Herr Graf! Er ist zur rechten Zeit erschienen, um mir Hülfe zu gewähren. Der Baron liebt mich meiner selbst wegen, und ich kann nicht anders als seine Neigung erwiedern, Aber noch darf er nicht wissen, daß ich des schönen, stattlichen Jägers wegen das Marienbild besuchte; er soll, seiner Meinung nach, meine Liebe erst erwerben. Fast hätte ich aus Schmerz über seinen Tod mich in das Kloster begraben, und die List des frommen Funcal wäre gelungen. Onkel und Neffe spielen eine Karte, das ist klar! Die Liebe soll den beiden Herren das Spiel verderben. War die Nachricht von Albrecht’s Tode Lüge, so ist auch die Behauptung erlogen, daß seine erste Gattin noch lebt. Ich beginne kühn meinen Plan.“

Amalie schloß die Thüren und schrieb dann einen langen Brief. Es war noch sehr früh, als sie am nächsten Morgen einen Spaziergang durch den Garten machte. Herr Barchon, der Besitzer des Hauses, trat ihr entgegen, indem er ehrerbietig grüßte.

„Sind Sie zufrieden?“ fragte er lächelnd.

„Der Baron wird Ihnen meinen Dank abstatten.“

„Ist schon geschehen, mein Fräulein, und Sie sehen mich zu ferneren Diensten bereit.“

Beide traten hinter einen blühenden Akazienstrauch, so daß sie von dem Hause aus nicht gesehen werden konnten.

„Herr Barchon, ich spreche nicht mehr von dem geizigen Grafen, der dieses Jahr zum letzten Male in Ihrem Hause gewohnt hat, denn nach sieben Jahren liegt der alte gebrechliche Mann im Grabe –“

„Darum halte ich mich an die Jugend!“ sagte der Koloß. „Jeder Mensch ist Geschäftsmann, und ich vor Allen, der ich stets mit Sorgen zu kämpfen habe, um mir dieses Haus zu erhalten. Ich bin ein armer Mann, war früher Küster am Dome und beziehe eine kleine Pension –“

„Sie haben mir das gestern erzählt, Herr Barchon. Hier ist ein Brief – befördern Sie ihn so schnell als möglich an den Baron.“

„Ich fliege, gnädiges Fräulein! Und die Antwort?“

„Ich kenne sie schon! Verlassen Sie mich jetzt, damit man unsere Verschwörung nicht ahnt.“

Beide trennten sich. Eine halbe Stunde später befand sich Amalie wieder in ihrem Zimmer, und Herr Barchon schritt rüstig durch das Thor der Stadt.




VI.
Aufklärung.

Albrecht hatte zwei Tage verbracht, ohne Amalie zu sehen. Am dritten, gegen Mittag, erblicken wir ihn vor dem Hause des Herrn Barchon. Er zog die Klingel, und der pensionirte Küster öffnete.

„Wo ist der Graf?“

„Er ist vor einer Viertelstunde aus dem Dome zurückgekehrt; jetzt betet er in seinem Zimmer. Fräulein Amalie,“ fügte Barchon flüsternd hinhzu, „befindet sich mit ihrer Kammerfrau in dem Garten.“

„Wer meldet mich dem Grafen?“

„Sie werden im ersten Stocke seinen Diener treffen.“

Der Baron stieg die Treppe hinan. Auf dem Corridor traf er den Neger. Da er wußte, daß der Schwarze nicht Deutsch verstand, machte er ihm durch Geberden begreiflich, daß er dem Grafen angemeldet zu sein wünsche. Kaum war der Neger verschwunden, als der Graf, der seinen Neffen erwartet hatt, in der Tür erschien. Verwundert ließ er den Fremden eintreten.

„Herr Graf von Funcal?“ fragte Albrecht, sich nachlässig verbeugend.

„Derselbe! Und wer giebt mir die Ehre?“

„Ein Geschäftsmann, Herr Graf, dessen Name so unbedeutend ist, daß es sich nicht der Mühe lohnt, ihn zu nennen. Auf einer Reise in Tyrol ward ich von einer schweren Krankheit ergriffen, und ich mußte mich der wohlthätigen Pflege eines Klosters anvertrauen, das, von der Welt geschieden, in einem einsamen Thale liegt. Meine Wärterin war eine fromme Nonne, deren unermüdlicher Sorgfalt ich mein Leben verdanke.“

„Wozu diese Geschichte?“ fragte der Graf, indem er mit unsteten, ängstlichen Blicken den Baron maß.

„Man nannte die Nonne im Kloster Jungfrau Benedicta – früher aber hatte sie sich Melanie Rocheval genannt, sie war eine Elsasserin.“

„Mein Herr,“ sagte der Graf, „ich bin als Wallfahrer nach Aachen gekommen –“

„Um so mehr werden Sie geneigt sein, ein gutes Werk zu vollbringen. Ich bitte, hören Sie mich noch eine Minute an. Melanie erzähle mir, daß sie von Verzeiflung über eine unglückliche Liebe getrieben, den Schleier genommen habe. Ihr Kind, die Frucht dieser Liebe zu dem reichen Freiherrn von Paulowski, sei unter der Obhut ihres Verführers geblieben. Wie sie durch Zufall erfahren, habe später der Freiherr, von Gewissensbissen gefoltert, ihre Tochter adoptirt und sie zur Erbin seines Vermögens eingesetzt. Der Freiherr, der ein religiöser Schwärmer geworden, habe unter dem Einflusse eines Freundes gestanden, und diesen als Vormund seiner Adoptivtochter eingesetzt, als er plötzlich von einer unerklärlichen Krankheit befallen und rasch gestorben sei. Seit dieser Zeit verwaltet nun der Freund das Vermögen, und der Tochter des Verstorbenen zahlt er jährlich eine kleine Rente. Ich erfülle eine Pflicht der Dankbarkeit, Herr Graf, wenn ich mich jetzt bei Ihnen nach Amalie erkundige, denn meine Wohlthäterin hat mich beauftragt –“

„Genug, mein Herr!“ sagte plötzlich der Graf, der bis hierher vor sich hinstarrend zugehört hatte. „Ich weiß jetzt genug,

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855). Leipzig: Ernst Keil, 1855, Seite 207. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1855)_207.jpg&oldid=- (Version vom 9.9.2019)