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Seite:Die Gartenlaube (1855) 160.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855)

Mahlzeit Theil zu nehmen. Da dieser lange Nichts gegessen und sein Appetit von der scharfen Gebirgsluft wunderbar angeregt war, so sagte er mit Freuden zu und schluckte verschiedene Stücke rohen Hundefleisches mit größtem Wohlbehagen hinunter.

Zur Nachtkost rauchte er auch aus der Friedenspfeife mit seinem Freunde Takoni und erfuhr von ihm die Erfolglosigkeit ihrer Unternehmung. So verstrich eine kurze Zeit, als John durch gewisse geheime Zeichen der Kaffern aufmerksam gemacht, mehr und mehr anfing, sich unbehaglich in ihrer Mitte zu fühlen; denn es war augenscheinlich, daß allein er der Gegenstand ihrer heimlichen Unterredungen war. Bald entspann sich ein lebhafter Wortwechsel, an welchem Takoni sich besonders betheiligte.

„Ihr Krieger Morhunnu’s!“ rief Takoni endlich mit durchdringender Stimme, „wir alle wissen, daß der weiße Mann zu der großen Nation unserer Feinde gehört, und daß wir mit seinem Blute auf unseren Waffen unser Gelübde erfüllen und mit Ehren zu unseren Freunden und Brüdern zurückkehren können. Einige von Euch stellen es ernstlich in Frage, ob der heilige Name „Freund und Bruder“, wie wir ihn seit Jahren geheißen, nicht die Natur der Freundschaft seiner Nation so verändert habe, daß Morhunnu, welchem wir unser Gelübde gethan, ihn zu uns gesendet hat als Freund und Bruder. Wenn dem so ist, so wird das Opfer seines Lebens Morhunnu mißfallen und uns nicht von unserem Gelübde entbinden. Andere unter Euch stellen auf, Morhunnu habe dieses Opfer unter uns gesandt, um unsere Treue zu prüfen. Zwar war er unser Freund, und wir haben ihn „Bruder“ genannt – aber er ist unser natürlicher Feind, und Morhunnu wird uns von unserem Gelöbniß nicht entbinden, wenn wir dieses Freundschaftsverhältniß fortbestehen lassen, das zuletzt zum Ungehorsam gegen ihn führen muß. Endlich behaupten noch Andere von Euch, der Fremdling, obgleich er unser natürlicher Feind ist, ist nicht in unser Gelübde mit einbegriffen, denn ihm das Leben zu nehmen, ist eine grobe Verletzung unserer heiligsten Verpflichtungen, ein Makel unserer Tapferkeit und eine Verachtung der Gastfreundschaft, wir können wohl leicht andere Opfer, unser Freund aber kein anderes Leben finden. Dies, Ihr kriegerischen Männer, drei verschiedene Meinungen. – Ich sehe, keine derselben findet bei der Mehrzahl gehörigen Anklang, denn Ihr Alle sehnet Euch in Eure Heimath zurück, um als erprobte Krieger Eure Bräute heimzuführen, und fordert mit Recht, daß der weiße Mann geopfert werde. Aber, Ihr Krieger Morhunnu’s, hört mich an, der Kaffer ist ein Krieger, seine Füße sind schneller als das Pferd, sein Pfeil gleicht dem zerschmetternden Blitze Morhunnu’s, er ist tapfer und edel, aber eine Wolke hat sich zwischen ihn und der Sonne gelagert, daß er seinen Feind nicht sehen kann, und noch ist kein Skalp in seiner Hütte. Morhunnu ist gut – er sendet ein Opfer, einen Mann, dessen Haut weiß ist, aber sein Herz ist sehr roth! Das bleiche Gesicht ist ein Bruder, und sein langes Messer ist abgewandt von seinen Brüdern, den tapfern Kaffern. Morhunnu ist allmächtig –, mein Bruder (auf John deutend) hat sehr viel Blut, er kann ein wenig Blut verlieren, um unsere Waffen zu beflecken, aber sein Herz wird noch warm bleiben!“

Takoni hatte John vom Tode gerettet. Ein stürmischer Beifall folgte seiner Rede, denn Alle beseelte nur ein Verlangen, ihr Gelübde zu erfüllen, und bald nach Hause zurückzukehren, um ehrenvoll in die Reihen der Krieger aufgenommen zu werden, und selbst eine Hütte, ein schönes Weib und die Freuden eines braunhäutigen Vaters zu haben.

Ein scharfer Feuerstein wurde herbeigeholt, der Arm des weißen Mannes entblößt – schnell trennte der Stein die Haut, und das Blut, welches aus der leichten Wunde floß, ward sorgfältig auf die Waffen der hocherfreuten Krieger vertheilt. –

Die Scene, welche jetzt folgte, war unserem John durchaus unerwartet. Zufrieden, daß sie das Blut ihres Feindes vergossen, und somit ihr Gelübde erfüllt hatten, daß sie endlich von den Mühsalen, welche sie schon fünf Monate hindurch geduldig ertragen, befreit seien, bezeugten sie ihre Dankbarkeit auf thätige Weise. Jeder suchte seine Bürde durch; Einer legte zu seines Bruders Füßen eine Otternhaut, der Andere eine Pantherfell, ein Dritter eine Bären- oder Büffelhaut, bis John’s Reichthum an Häuten und Fellen seine höchsten Erwartungen übertroffen hatte. Der junge Häuptling stand schweigend und sah zu, und nachdem Alle nach der Reihe ihren Gast reichlich beschenkt hatten, trat auch er hervor und führte ein stattliches Pferd am Zaume und ein junges Maulthier und übergab sie seinem brüderlichen Freunde. Es wäre gegen die Etikette der Wüste gewesen, es auszuschlagen und überdies wußte John recht wohl, was seiner erwarte, wenn er sich anders als dankbar erweise. Er erhob sich deshalb von seinem Sitze, verbeugte sich und sagte mit einem frohen Lächeln in der Landessprache:

„Ein Freund von mir reiste von Port-Natal nach der Cap-Stadt. Sein Weg führte ihn auch durch Euer Land. Es begegnete ihm ein Trupp Eurer dunklen Nachbarn, die ihn, nachdem sie ihn einen Augenblick scharf gemustert, ergriffen, ihn an den Fischfluß führten und seinen Kopf verschiedene Male in die Wellen tauchten. Bald bemerkten sie aber, daß sie ihren Zweck nicht erreichten; sie bedeckten sein Haar mit Schlamm, wuschen es wieder aus und überzeugten sich, daß er von Natur roth und nicht gefärbt sei. Hocherfreut über einen solchen Fund, schoren sie ihm den Kopf kahl, schenkten ihm für seine Haare ein Dutzend der schönsten Pferde und sendeten ihn höflichst seinen Weg. Dieser Freund sagte oft zu mir, er wünschte ein Paar Scheffel mehr von dieser Waare zu haben, da sie so gut bezahlt werde, und ich wünschte, daß ich mehr rothes Wasser in meinen Adern hätte, da Ihr es so werthvoll findet.“

Die Kaffern, die ihn aufmerksam zugehört hatten, äußerten ihre Verwunderung, machten sich marschfertig und einen Augenblick später waren sie außer Sicht, in das Dickicht des Hochwaldes verschwunden. John fühlte sich anfangs durch den nicht geringen Blutverlust sehr schwach, lud aber doch seine Schätze auf den Rücken der Thiere und suchte den nächsten Weg zu seiner Hütte auf, wo er kurze Zeit der Ruhe pflegte. Bald fühlte er sich wieder neu gestärkt und gesund wie vordem, und zog nun wieder wohlbewaffnet aus nach dem Dorfe, wo Koremba, seine schöne Rothhäuterin, wohnte. Freudeathmend kam sie ihm entgegen, fiel ihm um den Hals, schmiegte sich mit ihrer schönen Gestalt an ihn an, drückte ihn an ihren hochwallenden Busen und hörte nicht auf, ihn zu küssen und zu fragen, wie es ihm ergangen.

Noch zu Anfang der Jagdzeit erhielt John für seine Häute hohe Preise; das Pferd wurde von dem „wilden Papa“ für hinreichend erklärt, und von diesem Tage an, den John zu den schönsten seines Lebens zählte, war die Hütte seines rothhäutigen Liebchens in dem reizenden Thale an den fruchtbaren Ufern des großen Fischflußes das Hauptquartier von John Harris, dem kühnen Jäger in den Schneegebirgen des Kaffernlandes!




Mährchen eines Naturforschers.
Von E. A. R.

Es war so ein schöner leuchtender Juniabend, daß es kein Wunder gewesen sein würde, wenn alle Pflanzen und Thiere, ja wenn alle die sonnendurchglühten Steine, die um mich her lagen, in lauten Jubel ausgebrochen wären.

Die Sonne war eben mir gegenüber hinter der dunkelbewaldeten Bergwand versunken, aus welcher nun ihr purpurner Nachschein wie feurige Lohe emporleuchtete. Unter mir lag in tiefer Thalschlucht, eine einzige lange Gasse, das friedliche Städtchen, durchrauscht von dem schmalen Bächlein, dessen kärglicher Wasservorrath den ganzen Lauf entlang eben vielfach in Anspruch genommen wurde, um die dürstenden Gärtchen zu tränken. Sie waren klein, sehr klein, denn die Thalschlucht war eben sehr schmal, und bot kaum für die kleinen Häuser Raum genug. Auf dem freien Platze vor dem Gasthofe unten tummelten sich muntere Buben herum, daß ihr Schreien und Rufen bis zu mir herauf tönte, mit welchem sich der schwirrende weithinschallende Ton aus der Sägemühle mischte, wo man eben nach dem Feierabend für den morgenden Tag die Säge schärfte.

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855). Leipzig: Ernst Keil, 1855, Seite 160. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1855)_160.jpg&oldid=- (Version vom 31.7.2018)