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Seite:Die Gartenlaube (1855) 152.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855)

Fußboden ist kein Stäubchen, an den Wänden kein Fleck zu entdecken, das Geschirr auf dem Sims strahlt spiegelblank, in der Tischlade liegt ein sauberes Beutelchen mit dem Putzzeuge, Tisch und Stuhl sind weiß wie Schnee, die Fenster blitzen im hellen Tageslicht, der Bewohner der Zelle kann sich Luft nach Belieben zuströmen lassen, aber Licht und Luft empfängt er durch das Kreuz der eisernen Spangen, und so sieht er das Himmelsblau in dem engen düstern Rahmen seines Elends. Hier erwartet er den Morgen, hier sieht er die Sonne untergehen. Ach! sie muß wohl oft ihren Bogen über dem Horizont beschreiben, ehe sie ihm den Tag der Freiheit verkündet, sei es, daß sie seinen letzten Seufzer nicht erhört hat, und mit ruhigem Lichte auf die geschlossenen, starren Augenlider scheint. Schweigend macht sich hier in dieser lastenden Stille wohl manche Seele auf die Wanderung; kein Auge hängt an dem letzten Zittern der Lippe, kein Auge der Liebe prägt sich die bleiernen Züge des Elends ein. Der gefangene Schreiner in der Werkstatt fügt ein dürftiges Gehäuse zusammen; was weiß er, wen es aufnehmen soll? Und wenn es ein Vater oder ein Kind, wenn es ein Bruder oder eine Schwester wäre, die Zungen sind gefesselt, das Auge darf nicht rechts, nicht links dem verführerischen Licht folgen, es sind Alle Ziffern und Buchstaben, Littera A, B, C, D, und als Taufnamen das Einmaleins in arabischen und römischen Ziffern.

Der Gefangene hat seine Zelle geordnet, seine Morgensuppe und Ration Brot verzehrt, das Geschirr wieder gesäubert und verläßt auf die Minute seine Zelle, um sich nach dem Arbeitsraum zu begeben. Hat er keine Profession erlernt, die in der Anstalt betrieben wird, so muß er dort anfangen, oder spinnen und spulen. Da sind Werkstätten für Tischler und Drechsler, für Schuhmacher und Schneider, da wird Leinewand, Kattun, Baumwolle, Zwillich oder Roßhaar gewebt, da werden Rouleaux gemalt und besonders viel Posamentirarbeiten gefertigt. In der alten Anstalt ist eine nicht unbedeutende Cigarrenfabrik, ein lithographisches Atelier, eine Druckerei und Buchbinderei; am Meisten aber sausen die Webstühle dort oder schnurren die Spulräder. Die Weiber nähen, stricken, spinnen; in der Küche fungiren Köche, andere häusliche Arbeiten werden im Erdgeschoß des Weiberflügels besorgt. In den Bureaux arbeiten Gefangene, andere wieder versehen den Dienst als Calefactoren.

Zur Mittagszeit und in der Vesperstunde wird wieder gespeist; die Suppe ist neben dem Brot die einzige Kost. Nur vier Mal im Jahre wird Fleisch gereicht. Untersuchungsgefangene und Gefängnißstrafe Verbüßende jedoch dürfen sich selbst verpflegen. Des Abends wird keine Nahrung verabreicht. Mit dem Schlage der unerbittlichen Glocke muß er zeitig sein Lager aufsuchen.

Welche Geschäftigkeit, welche Ordnung in dieser Rührigkeit! Kein Wort stiehlt dem Arbeitstage eine Secunde ab. Der Gefangene muß schweigend sein Pensum leisten; nur was er mehr schafft, ist der Antheil für seine Rechnung; er erhält aus seinen Ersparnissen, wenn er sich gut führt, kleine Genüsse, etwa Schnupftaback und dergleichen. Das Pensum gehört der Anstalt, die es so gut als möglich zu verwerthen sucht. Einzelne Arbeitszweige sind Fabrikanten in Entreprise gegeben, andere werden auf Bestellung, noch andere rein für die Anstalt betrieben. Wer sein Pensum nicht leistet, verliert die warme Kost; wer sich wiederholte Trägheit zu Schulden kommen läßt, wird in ein Disciplinargefängniß oder eine dunkle Zelle bei gewöhnlicher Kost oder bei Wasser und Brot eingesperrt; wer sich als unverbesserlich faul erweist, verfällt dann zuletzt wohl der körperlichen Züchtigung, die aber in diesem Falle schwerlich die geringste Wirkung haben dürfte. Mag sie als Schreckmittel dienen, um den Gefangenen von einer widerspenstigen Durchbrechung der Hausordnung abzuhalten; aber ein Reiz zur Arbeit ist sie nicht, es sei denn, der Wärter ginge wie im Bagno mit geschwungener Peitsche hinter dem Gefangenen.

(Schluß folgt.)




Blätter und Blüthen.


Sonderbarer Gebrauch des Rattengiftes. Insofern man allgemein Ratten mit Arsenik vergiftet, nennt der Bauer dieses Metall mit Recht mit dem familiären Namen Rattengift. Einen weitern Gebrauch kennt er in der Regel nicht. Wie wird er sich daher wundern, wenn er hört, daß man in England und anderswo Pferde damit stärkt und füttert und in Oesterreich, Ungarn u. s. w. dasselbe Rattengift mit Erfolg von unzähligen Menschen als Schönheitsmittel genossen wird. Wir würden es selbst kaum glauben, wenn nicht der berühmte englische Chemiker „des gemeinen Lebens“, Johnston (auch in deutschen Uebersetzungen berühmt, obgleich er im Wesentlichen alle seine Weisheit von den deutschen Naturforschern Liebig und Schleiden gestohlen hat) und Dr. Tschudi die Sache aus eigener Erfahrung berichteten. Letzterer sagt: „Fast alle Bewohner von Nieder-Oesterreich, besonders an der ungarischen Grenze, huldigen der Gewohnheit, Arsenik zu essen. Sie kaufen es unter dem Namen „Hedri“ von herumreisenden Hausirern, die sich es von den Arbeitern in Glashütten und Bergwerken (wo viele arsenikhaltige Erze gegraben werden) zu verschaffen wissen. Dieses Gift, in sehr mäßigen und allmälig steigenden Dosen regelmäßig genossen, giebt eine gesunde, frische Hautfarbe und mit der Zeit eine behagliche Fülle des Fleisches. Mancher, der zu schnell schön oder dick werden will, nimmt auch zu viel und vergiftet sich, wie viele Geistliche bezeugen können, denen die Sterbenden in der letzten Stunde ihre Sünden beichten. Ein anderer Vortheil entspringt den Arsenik essenden Berg-Jägern in Steiermark und Tyrol dadurch, daß es Leichtigkeit und Kraft in den Gliedern giebt und den Athem erleichtert, wie auch die mit Arsenik behandelten Pferde beweisen. (Noch größer und zauberhaft ist dieselbe Kraft aus den Coka-Blättern, welche die Indier kauen oder als Thee trinken.) Mit einem erbsengroßen Stückchen Arsenik im Munde verfolgt der Gemsenjäger Tage lang das Wild über Abgründe bis in die luftdünnsten Höhen, ohne Beschwerde zu fühlen. Man fängt mit einem erbsengroßen Stückchen an und fährt fort, bis Mancher an einem Tage so viel verzehrt, als 1000 Ratten nicht vertragen würden. Ich kenne einen Bauer, der 40 Jahre lang Arsenik gegessen und sich der vollkommensten Gesundheit erfreut. Wer einmal angefangen, darf aber nicht wieder aufhören, ohne sich durch das im Körper steckende zu vergiften.“ Es ist wie die Freundschaft mit dem Teufel, der die ganze Hand nimmt, wenn man ihm einen Finger gegeben, dann den Kopf und endlich den ganzen Kerl. Wer über Beseligungsmittel, welche die Menschheit millionencentnerweise außer Bier, Wein und Branntwein genießt (Taback, Opium, Betelnuß, Coka-Blätter, Hanfrosinen u. s. w.) etwas Näheres und Gescheidtes erfahren will, findet in dem zweiten Theile von Johnston’s „Chemie des gemeinen Lebens“ reiche Beute.




Pottichimanie. Diese seltsame Manie oder Leidenschaft, welche jetzt unter dem schönen Geschlechte aller Nationen wüthet, ist französischen Ursprungs und besteht darin, wie Viele bereits theoretisch oder gar praktisch wissen werden, daß man Bilder ausschneidet und – doch, wir müssen diese neue schöne Leidenschaft und Kunst gründlicher vornehmen. Um ein guter Pottichimaneur oder vielmehr eine perfecte Pottichimanice zu werden, braucht man Vasen von Glas, Bilderbogen, womöglich colorirte, Ausschneide-Talent, aufgelöstes Gummi arabicum, präparirte Oelfarbe, Terpentingeist und Pinsel. Hat man Alles beisammen, schneidet man sorgfältig die Bilder aus, die etwa geeignet erscheinen, als Ornamente an einer Vase ein gutes oder witziges Ensemble zu bilden, bestreicht dann die rechte, colorirte Seite genau mit Gummi arabicum und drückt sie fest und sorgfältig an die innere Wand der sorgfältig gereinigten Vase, bis man glaubt, eine gute, runde Ausschmückung erzielt zu haben. Auf das genaue Bestreichen der Bilder mit Gummi und sorgfältiges Andrücken, so daß keine Luftblasen oder Falten dazwischen bleiben, kommt Vieles an. Die Art der Zusammenstellung und Wahl der Bilder je nach den Formen der Vasen bleibt Geschmacks- und ästhetische Schönheitssache, wozu im höhern Sinne natürlich auch Kenntniß der verschiedenen Vasenformen und ihrer Ornamentirung gehört, so daß man chinesische, japanesische, etruskische, assyrische, griechische, römische u. s. w. Vasen nachbilden kann. Sind die angeklebten Figuren inwendig trocken, bestreicht man deren Rückseiten sorgfältig mit Gummi arabicum, ohne das Glas zu berühren, und dann mit Firniß oder Lack. Ist diese Arbeit trocken, reinigt man die Vase wieder genau, gießt die Oelfarbe hinein, welche als Farbe der Vase am Besten paßt, und schwenkt sie so lange um, bis jeder Theil gedeckt ist, läßt das Uebrige ausfließen und deckt das Ganze, wenn es getrocknet ist, mit einem Firniß. Das ist im Allgemeinen die Technik der Pottichimanie, der neuesten nobeln Passion unter den Schönheiten civilisirter Völker. Zwar läßt sich damit viel Zeit verbringen, auch etwas Kunstgeschmack entwickeln, im Ganzen aber ist’s ein Dilettantismus, der den Sinn für schöne Ornamente im Hause eher zu verflachen und zu verderben, als zu bilden im Stande sein mag.

Wir haben pottichimanisirte Gläser gesehen, wobei wir unwillkürlich an die Ausdehnung des Sprüchworts dachten: Narrenhände beschmieren Tisch und Bänke!




Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.
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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855). Leipzig: Ernst Keil, 1855, Seite 152. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1855)_152.jpg&oldid=- (Version vom 17.4.2023)