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Seite:Die Gartenlaube (1855) 140.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855)

Aber, o wehe, kaum daß Anatole Didot im Sattel ist und der Blitz einige seiner leichten, weitausgreifenden Schritte gemacht hatte, so sieht man den Reiter schwanken, die Bügel verlieren oder gar nicht finden, und endlich zum Gelächter aller Welt kopfüber zur Erde fallen.

Verwundert, erstaunt eilen der Gesandte und seine Freunde herbei, den Gefallenen aufzuheben, der an Kopf und Brust schwer verwundet auf das Erbärmlichste stöhnt und jammernd nach Hause verlangt.

Dort hingebracht, verbunden, verpflastert und gepflegt, hört er mit Erstaunen von dem Gesandten die wunderbare Geschichte seines nächtlichen Rittes erzählen und dadurch den Grund des Zutrauens offenbart, das dieser ihm geschenkt. Er schwört nun einmal über das andere, daß dies eine Täuschung oder eine Verwechslung sein müsse, da er ganz und gar nichts von einer solchen Cavalcade wisse. Der, bei der ganzen Verhandlung anwesende Arzt aber macht, den Kranken zur Ruhe verweisend, ein geheimnißvolles Gesicht und flüstert, den Grafen bei Seite ziehend, demselben einige Worte heimlich in’s Ohr, von denen der Liegende nur noch eines verstehen konnte, das Wort „Somnambulismus“ nämlich. Von einer fliegenden Hitze übermannt, und den peinlichsten Vorstellungen erliegend, verfällt er gleich darauf in ein Fieber, das ihn Wochen lang an das Lager fesselt und mehrmals dem Tode nahe bringt. Endlich genesend und dem Leben wiedergegeben, erinnert er sich seiner letzten Fahrten nur noch wenig oder doch nur so, als wenn sie ein Traum gewesen.

In den Kreisen der Gesellschaft und besonders des reitenden Publikums aber sind sie vielfach der Gegenstand weitgreifender Erörterungen gewesen. Wir selbst haben sie hier ganz einfach so erzählt, wie man sie uns gelegentlich mitgetheilt. Ob das Ganze überhaupt in allen Einzelheiten möglich ist, mögen Aerzte und Naturforscher entscheiden.




Blätter und Blüthen.

Sklaverei in Java und Amerika. Von Grisee im Distrikte Sarabaga auf der Insel Java meldete ein Correspondent in einer englischen Zeitung folgendes Erlebniß: „Voriger Mittwoch (im September vorigen Jahres) war ich Zeuge einer ergreifenden Scene. Auf dem Marktplatze von Grisee erschien eine Sklavenfamilie, bestehend aus Vater, Mutter und acht Kindern von drei bis vierzehn Jahren, um öffentlich am Meistbietenden verkauft zu werden. Sie gehörten zur Hinterlassenschaft einer holländischen Dame, welche die Familie sehr menschlich behandelt hatte, so daß sie mit Zagen und Zittern dastand, voller Angst, wem sie nun wohl zufallen würden. Während alle zehn Stück Sachen ächt tief menschlich weinten, versammelte sich viel Volks, um zu sehen, wer sie kaufen würde. Der Auctionator schrie sie für 6000 Florins aus. Niemand meldete sich. Der Ausrufer erhob seine Stimme immer höher und ging mit dem Preise immer tiefer herunter. Niemand wollte bieten. Nachdem er noch weiter herunter gegangen war, ohne daß Jemand bot, erhob sich der Sklavenvater, von seinem Rechte, auf öffentlichen Auctionen selbst mit bieten und so möglicher Weise sich selbst kaufen zu können, Gebrauch machend, und bot mit dem tiefsten Jammer fünf Florins. In demselben Augenblicke stürzte er sich mit seiner ganzen Familie auf die Knie und warf die schmerzzitternden Blicke eines Vaters ringsum im Kreise mit stummer Geberde flehend, daß Niemand höher bieten möge. Auf dem ganzen Marktplatze herrschte minutenlang eine entsetzliches Schweigen. Das Schweigen dauerte fort, Aller Blicke und Mienen drückten die größte Spannung aus. Noch keine Stimmer erhob sich, aber der Hammer. Mit furchtbarem Entsetzen stierte der Vater den Hammer an. Jeder schien zu glauben, daß er todt niederstürzen würde, wenn jetzt Einer das Schweigen bräche, ehe der Schlag gefallen. Er fiel. Dem Schalle folgte ein allgemeiner Schrei der Freude. Die Sklavenfamilie umarmte sich mit zwanzig Armen und unsäglichem Entzücken einmal um’s andere, während der Auctionator erklärte, daß sie sich in aller Form Rechtes selbst gekauft habe und daher ihr eigener Sklave, ihr eigener Herr, frei sei. Der freie Vater zahlte seine fünf Florins und danke mit den effectvollsten Geberden nach allen Seiten. Seine Freude wurde noch vergrößert, da ihm die Umstehenden mit großem Eifer Geld sammelten und es ihm von allen Seiten zuschütteten. Jeder schien eine Freude zu haben, für eine so kostbare Scene auch anständig zu bezahlen. Die Herzen waren getroffen, und wenn das Innerste im Menschen getroffen wird, ist wohl am Ende Jeder edel und gut.“

Welcher Contrast zu Virginien in Amerika, wo sich der Sklave auf Auctionen, zwar auch selbst kaufen kann, aber mit Gelächter und Faustschlägen überschüttet wird, wenn er durch bittende Mienen nach seinem Gebote die andern Kauflustigen „bestechen“ will. Doch geht’s dabei auch manchmal lustig her, da die Sklaven nicht selten selbst witzig sind. So erzählt man folgende Geschichte aus Kentucky: „Zwei Brüder besaßen gemeinschaftlich einen Sklaven, den sie geerbt hatten, einen fleißigen, gebildeten, nützlichen Burschen. Der eine Bruder brauchte nöthig Geld und sah sich genöthigt, alles Mögliche zu verkaufen, so auch seinen Antheil an dem Sklaven. So kam er in dem Auctionslokale auch mit an die Reihe. da er aber nur halb zu haben war, wollte Niemand ordentlich bieten. So bot also Tom (denn wie sollte er sonst heißen?) auf seine (bessere) Hälfte selbst, die ihm denn auch zugeschlagen ward. Mit großer Genugthuung sprang der so halb zu sich selbst Gekommene vom Auctionsblocke herunter und grinste von einem Ohre bis zum andern mit schneeweißen Zähnen.

„Tom, wozu hast Du Dein Geld verschwendet,“ rief ihm Jemand zu, „mit Deiner Hälfte bleibst Du ja doch Sklave wie bisher?“

„Nu laßt’s gut sein,“ antwortete Tom, „ist ein verdammt braver Bursche, der Tom, und so hab’ ich mir ’n Interesse an ihm gekauft. Vielleicht verdient die freie Hälfte noch so viel, um sich die andere auch noch zu kaufen. Und dann soll mal Einer kommen und auf einen ganzen Kerl bieten wollen. Bin ich doch jetzt nicht mal so wohlfeil zu haben, als Mancher, der auf seine Freiheit keinen Cent geborgt kriegen kann.“


Confusion. Man liest in der „Verité“ von Lille vom 17. Febr.:

Die ehelichen Verbindungen bringen zuweilen sonderbare Verhältnisse hervor; so beging man am Mittwoch auf der Mairie zu Lille eine doppelte Hochzeit unter folgenden Umständen:

Zwei Arbeiter des Stadtviertels Saint-Saveur, verbunden durch engere Freundschaft und beide als Wittwer lebend, besaßen jeder eine einzige Tochter , und diese vier Personen sind es, die sich gleichzeitig verheiratheten.

Jeder Vater hatte gewußt, sich bei der Tochter seines Freundes beliebt zu machen, und die beiden Pärchen scheinen sehr glücklich darüber, nur ein und dieselbe Familie auszumachen.

In Folge dieser Verbindung sind die zwei Töchter Schwiegermütter ihrer eigenen Väter geworden. Für die Zukunft kann sich diese Sache noch mehr verwickeln, denn im Falle der Nachkommenschaft würden sie die Großmütter der Kinder ihrer Väter werden, ebenso wie die Letzteren die Väter ihrer Schwiegermütter bleiben werden.


Literatur und Kunst. Trotz aller Kriegsnoth und bundestäglichem Mobilmachen, scheint die Literatur doch nicht feiern zu wollen. Gutzkow hat seine schon früher angekündigte Novelle: Die Diaconissin von Frankfurt erscheinen lassen; von Roßmäßler steht ein illustrirtes naturwissenschaftliches Buch: „Die vier Jahreszeiten“ in Aussicht; von Bock in den nächsten vierzehn Tagen der zweite Theil seines „Gesunden und kranken Menschen,“ und von den in der letzten Nummer besprochenen Werke: „Aus der Natur,“ der 6. Band, der, wie alle übrigen, Einen Thaler kosten wird. Auffallend stark sind neuer Zeit die religiösen und Erbauungsbücher vertreten. Fast jede Woche bringt trotz der großen Masse bereits existirender (und darunter sind anerkannt vortreffliche Schriften), doch verschiedene neue, wovon einige sogar in Novellenform. – Von den in letzter Zeit erschienenen belletristischen Werken haben Kühne’s und Willkomm’s Romane: „Die Freimaurer“ und „die Familie Ammer“[WS 1] sehr günstige Urtheile von der Kritik erfahren.


Louis Vogel, einer unsrer thätigsten Mitarbeiter, ist vor einigen Tagen in der Blüthe seines Lebens, kaum 36 Jahre alt, gestorben. Seine vielen Freunde in Sachsen, Schwaben und der Schweiz wird diese Kunde schmerzlich berühren. Er war am Literaturhimmel kein leuchtendes Gestirn, das man anstaunt, aber er hatte viel gelernt, war ein praktischer Kopf und vor Allem, er war ein treu Gemüth, ein ehrlicher Mensch und ein Charakter, der sich treu blieb, auch wenn Eisengitter ihm das liebe Sonnenlicht verschlossen. Das stille Haus, in das man ihn vor wenigen Tagen nun gebettet, wird ihm endlich die Ruhe geben, die im Leben ihm wenig vergönnt war.

E. K. 



Im Verlage von Ernst Keil in Leipzig erscheint seit Anfang dieses Jahres:

Illustrirte landwirthschaftliche Dorfzeitung.
Herausgegeben unter Mitwirkung einer Gesellschaft praktischer Land-, Haus- und Forstwirthe
von Dr. William Löbe.
Wöchentlich ein ganzer Bogen mit vielen Illustrationen.
Preis vierteljährlich 1/3 Thaler.

Die Landwirthschaftliche Dorfzeitung erscheint jede Woche in einem ganzen Bogen größtes Octav auf feinstem Velinpapier mit vielen Abbildungen. Sie enthält größtentheils Originalmittheilungen über alle Zweige der Land- und Hauswirthschaft, der landwirthschaftlichen Gewerbe und Naturwissenschaften, Aufsätze belehrenden, unterhaltenden Inhalts; Recensionen neu erschienenr landwirthschaftlicher Schriften, eine sorgfältige Auswahl land- und hauswirthschaftlicher Neuigkeiten, ein sehr mannigfaltiges und interessantes Feuilleton und die Produktenpreise. Die Landwirthschaftliche Dorfzeitung ist bei ihrer großen Reichhaltigkeit und Mannigfaltigkeit, bei ihrer glänzenden äußern Ausstattung und ihren zahlreichen Abbildungen die wohlfeilste landwirthschaftliche Zeitschrift, die sich selbst der weniger bemittelte Landwirth halten kann. Auch für Frauen bietet die Landwirthschaftliche Dorfzeitung großes Interesse.


Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: „Die Freimaurer und die Familie Ammer“
Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1855). Leipzig: Ernst Keil, 1855, Seite 140. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1855)_140.jpg&oldid=- (Version vom 17.4.2023)