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Seite:Die Gartenlaube (1855) 096.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855)

die Hauptquelle der englischen Herrschaft ging von dem bengalischen Meerbusen oder vielmehr von einem gewöhnlichen Chirurgus, Boughton, aus, der die Tochter eines Nabob (oder Stadthalters des Groß-Moguls) curirt hatte und dafür die Erlaubniß bekam, „frei zu handeln," Dieselbe Erlaubniß gab ihm ein anderer Nabob (von Bengalen) für geschickte Kuren, und dehnte dieselbe endlich auf alle Engländer aus. Durch die Revolution in England verfiel die Charte der Compagnie, aber Cromwell (1657) und Karl II. (1661) erneuerten sie wieder. Der lustige Karl bekam mit seiner portugiesischen Heirath die Insel Bombay an der indischen Westküste mit zum Brautgeschenk, aber er verkaufte sie an die Compagnie, die sie 1687 zum Sitz ihrer Regierung machten und eine Stadt an ihrem schönen Hafen bauten, die jetzt 300,000 Einwohner zählt.

Inzwischen hatten sich auch die Franzosen eingefunden und Pondichery gegründet. Die englische Compagnie, eifersüchtig, beschloß jetzt, den Franzosen zuvorzukommen und sich Land, das der Groß-Mogul nicht gern gab, zu nehmen. Durch die demüthigendste Unterwürfigkeit listeten sie dem Groß-Mogul die Erlaubniß ab, auch in Calcutta ein Fort zu bauen, und so errichteten sie Fort William (1698). Für den Export aus Indien gegen alle Petitionen bis zum Jahre 1832 „geschützt" und privilegirt, wurde die Compagnie schon zu Anfange des vorigen Jahrhunderts ein Ungeheuer von Reichthum und kaufte sich Soldaten, mit denen sie von den ringsum gewonnenen, festen Positionen sich keilförmig erobernd in das große keilförmige Land des Groß-Moguls eindrängte, hernach die sich zuspitzenden Linien der Keile auseinander nahm, und sie nach dem Meere rückwärts schob, so daß aus den Spitzen Peripherien von Halbcirkeln wurden. So machte man aus den spitzfindigen Eroberungen abgerundetes Recht, verschmähte es aber „von Gottes Gnaden" dranzufügen, da man meinte, mit dem bloßen Gelde und dessen Allgewalt auszukommen.

Im Jahre 1744 brach ein Krieg zwischen England und Frankreich aus, der in Ostindien von dem Napoleon der ostindischen Compagnie, Robert Clive, mit Waffen, Diplomatie und Geld (mit letzteren Cavalierwaffen zertheilte man die ostindischen Nabobs, um sie hernach zu beseitigen) zum entschiedenen Siege England ausgefochten ward.

Nach der Schlacht bei Plassy (23. Juni 1757) war die englische Herrschaft begründet. Mit Waffen, Bestechung und List breiteten sich die Engländer bald bis an den Fuß der schneebedeckten Himalaya-Gebirge und die furchtbaren Pässe von Kabul aus. Was Clive nicht gethan, übernahm sein Nachfolger Warren Hastings. Er marschirte gegen die Hauptstadt des Groß-Moguls, Delhi, der von revolutionären Mahratten, den Janitscharen Ostindiens, bedroht war, schlug und erschlug eigenhändig verschiedene Nabobs, machte den Groß-Mogul tributpflichtig, und erließ 1818 die famose Proklamation, daß es ihm unter dem Beistande des Allmächtigen gelungen sei, ganz Indien den in der City von London im Bureau arbeitenden Kaufleuten zu Füßen zu legen,

Nachdem die Franzosen (bis auf Pondichery) vertrieben, den Holländern Ceylon abgenommen, und mit Tippoo Saib der letzte der Groß-Moguls und ihre von Dschingis-Chan und Tamerlan herstammende, über Indien (seit 1519) und China ausgedehnle mongolisch-muhamedanische Herrschaft (gegen welche bekanntlich jetzt China revoltirt), wieder gebrochen war, verehren die 120 Millionen Bewohner in den entgegengesetzten Bramah- und Buddha-Kulten, unzähligen Sekten und muhamedanischen, wie verschiedenen christlichen Confessionen mehr als 1000 Gottheiten, aber nur einen Landesvater, die in der City von London residirende „moralische Person" der ostindischen Compagnie, das seltsamste Monstrum in seiner historischen Entstehung, seinen doppelten Direktoren und seinen Verhältnisse zur englischen Regierung. Es giebt in der ganzen Weltgeschichte nichts Aehnliches von Eroberung, Besitz, Art des Besitzes und Landesregierung.

Nachdem nun die ostindische Compagnie auch dem Kaiserthume Birmanien die ganze spitzige Mütze gewaltsam vom Kopfe genommen, mit der es beinahe 150 geographische Meilen lang den Ocean berührte und durch einen der gigantischsten Flüsse, den Ihrawaddi, Leben bis in das Innerste seines langgestreckten Landes bekam, ist dieser pomphafteste Staat Asiens ein kopfloser Stumpf, und das englische Ostindien aus dem dreiköpfigen Staate ein vierköpfiger mit den Regierungssitzen von Calcutta, Madras, Bombay und Rangoon und nach Rußland das mächtigste Reich Asiens geworden. Früher oder später (wahrscheinlich früher) werden die beiden Herren Asiens dort ebenso um die Oberherrschaft streiten, wie jetzt die kleine Halbinsel, die vor Russland liegt und man im gemeinen Leben Europa nennt, mittelbar und unmittelbar zu entscheiden such, wer künftig hier Hammer oder Ambos sein soll.

(Schluß folgt.)




Fürst Woronzow’s Krim-Palast und die Holz-Paläste der Alliirten.

Die Bretterhütten der Alliirten in der Krim.

Das russische Sebastopol bleibt stehen und das englische fällt. Die Engländer, von der Aristokratie, ihrem Sebastopol, angeführt, erlitten in ihrem aristokratischen Militärsystem mit sieben Kriegs-Ministerien und einer Masse blos für die Aristokratie fabricirten obersten Militärposten vor dem russischen Sebastopol Niederlagen in sich und durch sich, wie man in der Geschichte kaum ein Beispiel finden wird. Es gehört nicht hierher, auszuführen, wie zu Hause in England Sebastopol nicht blos moralisch, sondern

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855). Leipzig: Ernst Keil, 1855, Seite 96. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1855)_096.jpg&oldid=- (Version vom 14.2.2023)