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Seite:Die Gartenlaube (1855) 050.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855)

nicht blos erreicht, sondern bei Weitem übertroffen. Das hydrodynamische Gesetz, nach welchem sich kurze Schraubenflügel mächtiger erweisen, als längere über gewisse Verhältnisse hinaus, ist ohne genaue mathematische Proceduren nicht deutlich zu machen. Eben so kann ich keine Rechenschaft geben über den eigentlichen Sinn des Processes, der mit der Schraube vorgenommen ward, als der Zeichner diese Skizze aufnahm. Der ganze Apparat stand noch in einem großen Schuppen und wird erst später an den eigentlichen Ort seiner Bestimmung gebracht werden. Wir bemerken nur noch, daß die Flügel von Kanonen-Metall gegossen wurden (da eiserne in Folge galvanischer Wirkungen immer bald rosten) und in jedem für mehr als 10,000 Thaler Metall verlangt ward. Die Kosten des ganzen Riesenwerks sind auf 400,000 Pfund Sterling oder 2,750,000 Thaler veranschlagt worden, doch weiß man jetzt schon, daß 3 Millionen Thaler kaum ausreichen werden. Das ist wenig, wenn man bedenkt, daß das Schiff eine Brücke zwischen zwei Welttheilen über die beiden großen Oceane hinweg bilden wird und eine einzige Brücke über die Themse beinahe doppelt so viel Kapital in Anspruch nahm.




Pariser Bilder und Geschichten.
Die unbekannten Gewerbe.
Lecoq der Hahnenkammfabrikant. – Er verkauft Buschaale. – Madame Badeuil, die Blutegelleiherin. – Die Familie Verdurst.

Heute will ich Ihnen einen Mann vorführen, den alten Lecoq, der sich nicht scheut, der Natur den Handschuh vorzuwerfen. Und das geschieht noch dazu aus Bescheidenheit, daß er sich einen Nebenbuhler der Natur nennt; er will diese gute alte Mutter Natur nicht beschämen, im Grunde genommen aber arbeitet sie lange nicht so proper, so nett und appetitlich als er. Ihre Werke sind voll Unvollkommenheiten, während die seinigen – „ich bin ein Künstler!“ ruft der alte Lecoq aus, „und die Kunst ist die Natur, aber wie sie vom menschlichen Genie vervollkommt wird. Die Natur schafft den Marmor, der Mensch die Statue; die Natur bringt das Weib zu Stande, der Mensch aber eine Venus von Milo, ein Ideal, das gar nicht existirt. Gehen Sie in alle Meierhöfe des Anjou und der Marne; schauen Sie sich alle Hähne an, prüfen Sie alle Kämme derselben; keiner sieht dem andern gleich; alle sind sie mehr oder weniger von einer Menge Mängel behaftet und einen Künstler, der solche gemacht hätte, würde man ganz gewiß auslachen. Da sehen Sie einmal die meinigen an; wenn ein Hahn dazu käme, sie zu bewundern, ich glaube, der Kerl stürbe vor Aerger, keinen so schönen zu tragen. Sehen Sie einmal, wie das ausgezackt, zugeschnitten, hergerichtet und ausgerechnet ist! Ist das eine Pracht!" Der alte Lecoq fabricirt nämlich Hahnenkämme.

Der alte Lecoq (diesen Spitznamen hat er selber angenommen) bewohnt ein Haus, das ganz für seine Profession geschaffen zu sein scheint. Wer da hineinschaut, weiß nicht, wer von beiden ein größeres Original ist, der alte Lecoq oder sein Nest. Es ist eigentlich eine kleine Stadt, wie man ihrer in den industriellen Stadttheilen antrifft, und die man einen Hof heißt. In der Vorstadt du Temple existiren deren noch einige fünfzehn. So ein Hof schließt eine ganze Bevölkerung in sich, man könnte sagen, einen vollständigen Bienenstock menschlicher Wesen. Der Hof, den sich Lecoq ausgesucht hat, ist einer der kuriosesten. Der Hausherr, welcher ein großer Fabrikant ist, hat daselbst eine Dampfmaschine für seine Fabrik angelegt; weil er aber kleine Fabrikanten hinziehen wollte, so hat er das ganze Erdgeschoß von 350 Fuß Länge von der Hauptwalze seiner Maschine durchziehen lassen, so daß er jedem seiner Miethsparteien nebst der Wohnung einen Radriemen vermiethet, an dem sie dann ihre kleinen Maschinen anbringen können. Lecoq besitzt nun auch einen solchen Riemen als Miether; den Mechanismus hat er uns so explizirt:

„Ich war dreißig Jahre alt und kam von meinen Reisen in den Cordilleren zurück, ich war in China und in Japan gewesen und hatte so ziemlich von Allem gegessen. was ein Mensch essen kann. Als ich nach Frankreich zurückkam, fühlte ich eine Art Scham beim Anblicke der Armuth unserer Küche im Vergleich mit der jener Länder, die wir stolzermaßen barbarisch nennen. Wirklich, wenn Sie unser ohnehin sehr seltenes Wildpret, unsere geschmacklosen Flussfische abrechnen, so bleibt Ihnen das Wunder unserer Gemüse und Eier, eine wahre Nonnenkost.

„Was sind unsere verschwenderischsten Tafeln neben einem chinesischen, japanischen oder indischen Gastmahle, wo man die ganze zoologische Leiter des Herrn Blumenbach’s neben einander figuriren sieht; von den Elephantenhufen bis zu den Eiern der Fliegenvögel, von …? Können wir unsere Kochkunst auch nur mit der der alten Römer vergleichen, wo man 10,000 Hähnchen nahm, um einen anständigen vol-au-vent für 50 Patrizier zu bereiten? Dazu nahm man nur die Kämme, mit dem Reste fütterte man die Sklaven feist und fett, bis man diese in die Fischweiher warf, um die Karpfen zu mästen. Apicius, Lucullus! Ah, das waren Männer, die wenigstens zu essen verstanden! Ah, wenn ich daran denke! Ein Ragout von Pfauenhirn! …

„Ich nahm mir also vor, meinen Landsleuten alle dieses Sachen aufzutragen, deren Beschreibung uns heut zu Tage fabelhaft erscheint. Ich dachte also nach. Eine halbe Stunde darauf konnte ich ausrufen wie Archimedes: Eureka! Ich hab’s!

„Ich ließ mir eine Maschine bauen, ich selber zeichnete meine Grabstichel und zwei Tage darauf war ich etablirt, wie Sie mich hier sehen. Seitedem sind dreißig Jahre vergangen, mein Glück ist gemacht und ich brauche mir nichts mehr zu wünschen; jetzt könnte ich wie Andere dick thun! Ich könnte mir jetzt Diners machen lassen, wie ich welche Andern servirt habe. Aber nein, ich habe meine Existenz dem Wohle meiner Mitbürger gewidmet und ich will mein Ziel bis zum Ende verfolgen.“

So sprach Lecoq. Nun aber hören Sie, wie er das Glück seiner Mitbürger versteht. Er rechnete nach und fand, daß jeden Morgen in Paris nicht mehr als 25-30,000 Hähnchen eingeführt werden. Etwa 10,000 dieser armen Opfer kommen auf bürgerliche Tafeln, die andern 15,000 gerathen in die Hände der Restauranten etc. Von diesen werden etwa 12,000 Hahnenkämme auf Ragouts verwendet. Einem Hähnchen, das man auf Familienschmäußen aufsetzt, lässt man diese natürliche Zierde – aber verlangen Sie einmal einen vol-au-vent, oder ein Gericht Hahnenkämme, wo Sie nur immer wollen, und Sie werden bedient sein! Wie ist das möglich!? Und wenn Sie auch annehmen würden, daß man gleich beim Eintritte in Paris diesen Thieren den Hahnenkamm abschnitte, so würde das Alles nicht hinreichen, um die Verzehrung dieses Artikels in Paris zu erklären. –

Nun sehen Sie, das ist das Geheimniß von Lecoq, da fängt seine Rolle als Wohlthäter des menschlichen Geschlechtes an.

Er hat den Hahnenkamm und den haricot de coq erfunden – den künstlichen nämlich.

Er nimmt einen Ochsengaumen, einen Schöpsen- oder einen Kalbsgaumen, lieber aber einen Ochsengaumen, bleicht ihn in siedendem Wasser, zerkocht ihn dann während achtundvierzig Stunden, dann nimmt er die Haut vom Gaumen, so daß er ihn hübsch ganz erhält. Auf einem Ambos schlägt er dann mittelst eines Hohlstichels die Stücke aus, und das sind dann Hahnenkämme, vollkommener als die natürlichen. Die Kenner selbst täuschen sich über die Meisterwerke Lecoq’s und gleichwohl giebt es ein Mittel, sie zu erkennen. Der wirkliche Hahnenkamm, der schlechte, trägt auf beiden Seiten Wärzchen, während die schönen, künstlichen, kurz die von Lecoq nur auf der einen Seite welche zeigen.

Die Patissiers, die Restauranten, Unterhändler kaufen sie um drei Sous das Dutzend und verkaufen sie um fünf Sous an bürgerliche Häuser.

Was man den haricot de coq nennt, das macht er ebenfalls mit dem Hohlstichel. Kalbs- und Schöpsenhirn dienen ihm dabei als Rohstoffe.

Herr Lecoq wunderte sich, daß man ihm noch keine Statue errichtet hat und nur meine Bemerkung schien ihm einigen Trost zu

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855). Leipzig: Ernst Keil, 1855, Seite 50. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1855)_050.jpg&oldid=- (Version vom 24.1.2023)