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Seite:Die Gartenlaube (1855) 017.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855)

No. 2. 1855.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redakteur Ferdinand Stolle.
Wöchentlich 1½ bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 12½ Ngr. zu beziehen.


Die weiße Rose.

(Fortsetzung.)

„Ich will Dein Glück gründen, aber sei offen!“

Osbeck’s Gesicht verzog sich zu einem schmerzlichen Lächeln.

„Immer noch Bedingungen,“ murmelte er, „nachdem ich mich so gedemüthigt habe?“

„Unser Haus birgt ein Geheimniß, mit dem Dein plötzliches Erscheinen im Zusammenhange steht.“

Franz’s Verlegenheit mehrte sich.

„Du kannst mein Geheimniß wissen – ich habe Gründe, so rasch als möglich die Schweiz zu erreichen.“

„Und darf man diese Gründe wissen?“ fragte Robert mit wachsendem Mißtrauen.

„Die Zeit vergeht, Robert, willst Du mich retten? Ich wiederhole es: ich bin ein Bettler, der Dich um ein Almosen anfleht!“ rief Franz, ihm die Hände entgegenstreckend.

Der Kaufmann war unschlüssig, was er beginnen sollte. Hatte er auch nur schwache Gründe zu seinem Argwohn, so flüsterte ihm dennoch eine Stimme zu, die ihm das Mark durchschnitt: Du lieferst dem Nebenbuhler die Mittel, daß er mit der Geliebten entfliehen kann.

„Es ist mir unmöglich, sofort zu entscheiden,“ sagte er. „Doch so,“ fügte er rasch hinzu, „damit Du siehst, daß ich nicht rachsüchtig bin, daß ich die empfindliche Beleidigung, die Du mir durch Schmähung meines todten Vaters zugesagt, großmüthig vergesse, werde ich Dich persönlich begleiten, und eine Extrapost soll Dich in kurzer Zeit weiter befördern. Erwarte mich, ich hole Geld!“

Robert wollte das Zimmer verlassen, doch ehe er noch die Schwelle erreicht, trat der greise Georg hastig ein.

„Herr Robert?“ fragte er.

„Hier bin ich!“

„Man fragt nach Ihnen.“

„Wer? Wer?“

„Ich glaube,“ flüsterte ihm Georg zu, „ein Polizei-Commissar.“

„Gerechter Gott!“ rief Franz erbleichend.

„Er folgt mir auf dem Fuße. Zwei Soldaten haben die Hausthür besetzt.“

„Dann bin ich verloren!“ stammelte Franz, der fast zusammenbrach.

„Was ist das?“ fragte der Sohn vom Hause. „Sucht man hier einen Verbrecher?“

Franz erblickte die Börse am Boden. Hastig ergriff er sie und rief.

„Ich reise zu Fuß – auf der Stelle! Georg, führen Sie mich durch eine Seitenthür – um Gottes Willen zögern Sie nicht!“

„Sie werden nicht reisen, Herr Franz Osbeck!“ rief eine Stimme. „Im Namen des Königs verhafte ich Sie!“

Der Polizei-Commissar stand auf der Schwelle der geöffneten Thür, Hinter ihm sah man zwei bewaffnete Soldalerr.

„Mein Herr,“ sagte Robert entrüstet, „man verfolgt Sie, und Sie wagen es, unser Haus zu betreten? Sie häufen Schmach über Schmach auf unsere Familie! Aus Rücksicht für meine Mutter,“ wandte er sich zu dem Commissar, „bitte ich Sie, alles Aufsehen zu vermeiden.“

„Sie constatiren, daß dieser Herr Franz Osbeck ist?“

„Ja!“

„So wird es von ihm abhängen, daß ich meiner Pflicht ohne Aufsehen genügen kann.“

„Sie werden es!“ flüsterte Franz in schmerzlicher Ergebung. „Und Du, Robert, magst es dereinst vor Gott verantworten, daß Du einen unglücklichen Menschen, der so nahe an einem glücklichen Ziele stand, in das Verderben geschleudert hast. Hier bin ich, mein Herr, nehmen Sie mich hin! Ich frage nicht nach dem Grunde meiner Verhaftung, denn ich kenne ihn.“

Umgeben von den Soldaten verließ Franz das Haus der Wittwe Simoni. In den Sälen ahnte man diese Ereignisse nicht, die fröhlichen Gäste schlossen den glänzenden Ball erst mit dem Anbruche des Morgens. Als Robert sich nach Helenen erkundigte, erfuhr er, daß sie sich auf ihr Zimmer zurückgezogen, nachdem sie der Commerzienräthin den letzten Dienst geleistet hatte.


III.

Kurz vor der Mittagstafel – es war um drei Uhr am Neujahrstage – hatte zwischen Madame Simoni und ihrem Sohne Robert eine sehr heftige Scene statt. Beide befanden sich in dem eleganten Boudoir der alten Dame, die sich mit der Summe von dreitausend Thalern den Titel einer Commerzienräthin gekauft hatte, da sie der richtigen Ansicht war, daß man in einer Residenzstadt ohne Titel nicht leben könne. Die Mutter hatte bereits eine vollständige Toilette gemacht: sie trug ein faltenreiches Kleid von grauem Atlas und auf dem hohen Busen eine schwere Kette, die man für den Orden des goldenen Vließes hätte halten können, wenn statt der schimmernden Diamantuhr ein goldenes Lammfell daran gehangen hätte. Unter einem feinen pariser Häubchen, die eine junge Frau von dreiundzwanzig Jahren nicht verschmäht haben würde, glänzte die künstliche Haartour in kastanienbraunen Locken, und zwischen

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855). Leipzig: Ernst Keil, 1855, Seite 17. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1855)_017.jpg&oldid=- (Version vom 9.9.2019)