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Seite:Die Gartenlaube (1855) 012.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855)

so ergiebt sich derselbe für die Armee:

 120,000 Pfund Zwieback,
030,000 Pfund Speck,
030,000 Pfund trockne Gemüse,
004,000 Pfund Salz,
030,000 Kannen Schnaps (mindestens 50,000 Pfd. wiegend),
060,000 Metzen Hafer (3750 Scheffel, à 95 Pfund = 356,250 Pfund),
180,000 Pfund Heu,
120,000 Pfund Stroh.

Es repräsentirt demnach der tägliche Bedarf eine Last von 850,000 Pfund, oder von 340 zweispännigen Wagenladungen zu 2500 Pfund. - Es wachsen daher dem Bedarfe für jeden Tagesmarsch, den die Verpflegung auf der Achse zurücklegen muß, Futter für 680 Pferde, Ration für mindestens 350 Mann zu, und beträgt dies für eine Entfernung von 40 Meilen, welche im günstigsten Falle in 11 Märschen von der Verpflegungskolonne zurückgelegt werden würde, einen Zuwachs von

 3850 Pfund Zwieback,
962½ Pfund Speck,
962½ Pfund trockene Gemüse,
120 Pfund Salz,
962½ Kanne Schnaps,
14,960 Metzen Hafer (935 Scheffel),
44,800 Pfund Heu,
29,920 Pfund Stroh.

Dieser Zuwachs ist für einen jeden Tag Transport also mindestens auf 1,82, weit eher jedoch auf 2, ja wohl gar 2,5 Prozent des Bedarfes zu setzen.

Die Schlußfolgerung liegt nahe, daß eine Armee, welche per Achse ihre Verpflegsbedürfnisse aus der Ferne bezieht, in hohem Grade von der Wegsamkeit des zwischenliegenden Landes, wie von der Nachhaltigkeit der eröffneten Hülfsquellen abhängt; auf die Jahreszeit, den nöthigen Ersatz, die Ungleichmäßigkeit der Kraftleistung etc. Rücksicht nehmend, kann man jedoch die Verpflegs-Kolonne, so täglich bei dem russischen Heere eintreffen muß, nicht unter 500 zweispännige Fahrzeuge veranschlagen. - Die Wegsamkeit der südrussischen Steppen, durch welche ein großer Theil, wo nicht Alles des Nachschubes an Lebens- und Lagerbedürfnissen der Armee des Fürsten Mentschikoff dirigirt werden muß, hängt eben so sehr von der Jahreszeit ab, wie die Fahrbarkeit des schwarzen Meeres, schleudert hier der Sturm Schiffe an die felsige Küste, – so begräbt ein einziges Schneewetter leicht einen ganzen Transport.

Dies Verhältniß wird um so ungünstiger, je mehr die russische Armee auf das tägliche Eintreffen von Lebensmittel-Convois angewiesen ist, je weniger eine kurze, günstige Zeit dazu benutzt werden kann, große Vorräthe an Ort und Stelle zu bringen. – Hierzu eignet sich allerdings allein der Transport zur See; – ein Schiff von 300 Tonnen, was ungefähr einen mäßig großen Kauffahrer bezeichnet, hat ein Tragvermögen von 600,000 Pfund. - Rechnen wir die Armee der Alliirten in der Krim 75,000 Mann mit 3000 Pferden, so ergiebt der tägliche Bedarf an:

 150,000 Pfund Brot,
37,500 Pfund Fleisch,
18,750 Pfund trockene Gemüse,
2,350 Pfund Salz,
18,750 Kannen Wein (mindestens 30,000 Pfund),
37,500 Pfund Stroh zur Ergänzung des Lagerstrohes, pro Mann täglich ½ Pfund oder in 8 Tagen 4 Pfund,
375 Klaftern 6/4 ellig weiches Scheitholz zu Wärme- und Kochfeuern, auf 200 Mann täglich eine Klafter gerechnet (14,000 Cubikfuß oder circa 90,000 Pfund),
6,000 Metzen Hafer (375 Scheffel = 35,625 Pfd.),
18,000 Pfund Heu,
12,000 Pfund Stroh,

demnach in Hauptsumma 421,725 Pfund. Es erscheint sonach weit leichter in Balaklava einen mehrwöchentlichen Vorrath anzuhäufen, als in Simferopol, und wenn man annimmt, daß die Bedürfnisse der russischen Armee zweifelsohne ihren Hauptdepot in Ickaterinostan haben, also in gerader Linie 50 Meilen, oder ungefähr 15 Tagemärsche von Simferopol, so stehen die Alliirten selbst bei einer Verproviantirung von Toulon oder Malta aus im Vortheil, da man von Toulon bequem in acht, von Malta in sieben Tagen die Bucht von Balaklava erreicht.




Die russische Armee.

Um unsere Soldatenbilder aus dem Orient zu vervollständigen (wir gaben im vorigen Jahrgang schon gute Abbildungen der englischen, französischen und türkischen Truppen), lassen wir heute eine Abbildung des russischen Militärs folgen, das durch die ihm beigegebenen irregulären Bestandtheile ein buntes Gemisch von Trachten zeigt, wie es keine andere Armee aufzuweisen hat.

Es liegt in der Natur der Sache, daß einem Reiche von der Ausdehnung Rußlands die Gleichförmigkeit der militärischen Streitkräfte nicht durchzuführen ist, denn außer den geographisch-lokalen Hindernissen, tritt zugleich physische Beschaffenheit der verschiedenen Volksstämme einer kompacten militärischen Verschmelzung entgegen. Um das bestätigt zu finden, braucht man nur den blondgelockten Sohn Polens mit dem struppigen Kalmücken zu vergleichen.

Die reguläre russische Waffenmacht wird durch die regelmäßigen Aushebungen in den europäischen Provinzen gebildet und concurriren hierzu etwa 45 Millionen Einwohner, was bei ein Procent 450,000 Mann ergiebt. Den Kern der Infanterie bilden dabei die eigentlichen Russen, und ist übrigens, was die technische Zusammensetzung der Armee anbelangt, dieselbe jeder andern an die Seite zu stellen.

In der Liste ist das russische Heer angegeben zu 810,000 Mann, davon 640,388 Mann Infanterie, 101,692 reguläre Cavallerie, 42,902 Artillerie, 25,000 Genie und Stäbe. In der Wirklichkeit sind aber, wie gesagt, etwa 600,000 Mann aktiv, deren Unterhalt täglich eine Million Rubel kostet. Reserve und Depots, die jetzt sämmtlich mobil gemacht sind, belaufen sich dabei auf 240,000 Mann. Die Flottenbemannung beträgt außerdem 50,600 Mann.

An die reguläre Armee schließen sich in erster Reihe die halbregulären Truppen, die Kosaken, welche einer ziemlich geordneten Disciplin unterworfen sind, sich selbst aber nie als Soldaten, sondern immer nur als Kosaken betrachten. Sämmtliche Kosaken sind, wie überhaupt der russische Soldat im Allgemeinen ihr lebelang Krieger, die im Feldzuge hauptsächlich zum Vorpostengefecht, Eskortiren, zu Ueberfällen, zur Verfolgung des Feindes etc. verwendet werden. Sie bilden die Augen und die Ohren der russischen Armee, und jedem Corps werden verschiedene Pulks zu 500 Mann beigegeben.

Endlich müssen wir noch der irregulären Reiterei gedenken, welche in der Hauptsache aus Tartaren, Kalmücken und Kirgisen besteht. Es ist dies eine wilde, aller Disciplin baare Truppe von Schrecken erregendem Aeußern, die nur zu großen Chors in offenen Feldschlachten benutzt werden kann, im Uebrigen aber ohne große Bedeutung ist, meistens eben so sehr zur Plage des eigenen Heeres wie des Feindes wird, und daher auch nicht regelmäßig zum Kampfe gezogen wird.

Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1855). Leipzig: Ernst Keil, 1855, Seite 12. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1855)_012.jpg&oldid=- (Version vom 20.8.2021)