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Seite:Die Gartenlaube (1854) 252.jpg

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verschiedene: Die Gartenlaube (1854)

„Wo ist der Vater, Katharina?’ fragte er mit unverwandtem Blicke.

„Auf die See hinaus zum Fischen, gnädiger Herr.“

„Und was machst Du während dieser Zeit? Du setzest Dich einem Manne auf den Schoß? Ich habe es durch das Fenster gesehen. Ist das wohl recht? Was wird der Vater sagen, wenn ich es ihm verrathe? Ich hätte das nicht von Dir gedacht, Katharina. Du giltst für eine sittsame Dirne, die Leute im Dorfe sagten’s mir, und nun erfahr’ ich das Gegentheil.“

„Ich thu’ nichts Unrechtes, Herr Junker, es müßte denn überhaupt die Liebe verboten sein. Den Mann, den Ihr gesehen habt, ist mein Verlobter.“ Sie hatte sich von ihrer Verwirrung erholt und blickte ihm jetzt fest in die Augen.

„Dein Verlobter?“ Der Junker schlug mit dem Gewehre auf, daß es dröhnte. „Da hat sich ja Vieles ereignet während meiner Krankheit. Ich wollte, ich wäre krank geblieben, denn das sag’ ich Dir unverholen, Katharina, daß ich in diesem Augenblicke ein größeres Weh empfinde, als während all’ der drei Wochen, die ich im Bette verzetteln mußte. Ich habe inzwischen gar oft an Dich gedacht und freute mich recht sehr, Dich wieder zu sehen. Mein erster Gang geschah zu Dir, und ich muß diese Dinge erfahren! Das schneidet in’s Herz, Katharina.“

„Es ist nicht zu ändern, gnädiger Herr!“ antwortete sie zitternd und mit einem ganz eigenthümlichen Blicke. Er verstand ihn; es lag in demselben eine Unsicherheit des Gefühls, von der sie selbst vielleicht nicht wissen mochte.

„Und wer ist Dein Verlobter?“ fragte er nach einer kurzen Pause.

„Ihr kennt ihn, gnädiger Herr. Doch da kommt er selbst!“ – In der That kam der Maler Rudolf Elmer aus dem Hause.

Das lange Ausbleiben Katharina’s veranlaßte ihn dazu und überdies hatte er den Junker durch das Fenster gesehen. Er grüßte denselben höflich, aber mit Zurückhaltung. Herr von Riedd schien ihn gar nicht zu bemerken und wandte sich wieder an Katharina: „Du willst Dich also verheirathen? Schade! Du hättest wohl eine bessere Partie gemacht. Daß doch die jungen Mädchen nicht hitzig genug in’s Ehebett gelangen können. Adieu!“

Er kehrte sich gegen den Wald und wollte gehen. Eine Zornader trat auf die Stirn des Malers, eine dunkle Röthe stieg ihm in’s Gesicht. Rasch hielt er den Junker auf: „Eine gemeine Denkungsart, Herr von Riedd, kann ich Jedem verzeihen, wenn er sie unter Seinesgleichen anwendet, ich aber dulde sie nicht!“

Der Junker biß sich auf die Lippen und wurde bleich. Er sagte: „Was meinen Sie damit? Sie vergessen sich!“

„O nein! Ich würde mich vergessen, zögerte ich auch nur einen Augenblick mit jenen Worten zurückzuhalten; nehmen Sie dieselben in der schlimmsten Bedeutung. Nicht Ihr Benehmen gegen mich hat mich beleidigt, Ihre Art kann ich ertragen; aber Ihre Rohheit gegen ein Mädchen, wenn sie auch nur dem niedrigsten Stande entsprossen, hat mich empört. Was würden Sie sagen, wenn ich ein Gleiches gegen Ihre Verlobte wagte?“

„Das ist, dem Himmel sei Dank, unmöglich!“ warf sich Herr von Riedd in die Brust. „Ich habe ein Vorzimmer und in diesem Bediente, die den Auftrag haben, Jeden, der nicht in’s Haus gehört, zurückzuweisen. Sie kamen in’s Schloß meines Vaters, um Bilder zu verhandeln, Sie sind der Verkäufer; das ist ein Unterschied. Wen ich bezahle, kann ich nicht in meinen Umgang, geschweige zu meinem Freunde erheben. Sie würden vergeblich den Zeitpunkt erwarten, der Ihnen gestattete, mit meiner Braut zu sprechen.“

„Herr von Riedd,“ suchte sich der Maler zu fassen, „ich sehe, daß es eine Thorheit war, Ihretwegen in Zorn zu gerathen. Es ist eine Schwäche im Menschen, die unwillkürlich ausbricht. Was kann ich Ihnen erwiedern, da Sie nur zu beleidigen verstehen? Meine Kunst ist mir heilig. Ich habe geglaubt, daß unser Zeitalter genug fortgeschritten sei, um solche Worte, wie die Ihrigen nicht mehr hören zu müssen, denn wer die Kunst nicht achtet, der steht auf einer Stufe der Bildung, die nur das tiefste Mitleid erwecken kann. Wer die Armuth schmäht, ist entweder verwahrlost an Herz und Geist, oder ein verwöhntes Kind ohne Begriffe. Ich würde von Ihnen Genugthuung fordern, wenn ich annehmen dürfte, Sie würden mir dieselbe bewilligen. Die Art und Weise einer gewissen mittelalterlichen Sitte, die eine Standesklasse als überliefertes Vorrecht betrachtet, ohne viele Neider zu finden, ist mir nicht unbekannt; da Sie aber selbst diese Art von Genugthuung von mir hätten fordern müssen, indem ich Sie dazu aufforderte, Sie es jedoch unterließen, so will ich mich nicht einer neuen Beleidigung aussetzen und Ihnen nun zeigen, daß Sie keinen Feigling vor sich haben. Ihr Freund zu sein, erfordert zu viel Eigenschaften, die ich, der einfache Sohn einer gesunden Sphäre, nicht genug zu würdigen verstehe, als daß ich je mit meinen Gedanken so weit hätte ausschweifen sollen.“

„Impertinenter, brotloser Landstreicher!“ fuhr der Junker wüthend heraus. „Ich werde Dich von dem Gute mit Hunden hetzen lassen, wenn Du nicht freiwillig gehst. Hier ist mein Grund und Boden! Der Güte meines Vaters danken Sie’s, daß Sie hier frei schalten und walten können, daß für Sie das allgemeine Verbot umgangen ist, aber es hat ein Ende. Treff’ ich Sie noch einmal auf einem verbotenen Wege, so werde ich Sie bedienen, wie es Vagabunden geziemt. Genugthuung fordern? Ich von Ihnen? Wär’ es nicht gar so lächerlich, es könnte frech sein! Die Zeit hat Vieles vernichtet, an dem Standesunterschiede gerüttelt, aber noch keine Revolution hat es vermocht, eine echte durch Jahrhunderte geadelte Gesinnung zu untergraben. Brüstet Euch so viel Ihr wollt mit Gleichheit und Freiheit, was festgewurzelt, besteht. Nie kann ich mich so herabsetzen, um mit einem Ihres ehrsamen Standes mich zu schlagen. Schon der Gedanke mit Ihnen herablassend gewesen zu sein, erfüllt mich mit Abscheu gegen mich selbst, jetzt, nachdem ich weiß, daß Sie einer Handwerksgesellen-Herberge angehören.“

(Fortsetzung folgt.)




Tiflis,
das russische Hauptquartier in Klein-Asien.

„Wenn Rußland Georgien und Tiflis behauptet, und Preußen neutral bleibt, so bekommt es Constantinopel, und dann gehört ihm ganz Europa.“

So etwa sprach sich vor langer Zeit ein alter Napoleonischer General aus. Bis jetzt behauptet Rußland Tiflis, und die türkische Armee, die man ihm hier in Karb und Erzerum in Armenien entgegenstellt, soll mit sich selbst so viel zu thun haben, daß von dieser Seite wenig zu befürchten sein wird. – Tiflis ist das Thor zum Kaukasus. Die Gegend ist nordwestlich durch eine Wüste begrenzt, westlich und südlich durch Berge von den türkischen und persischen Provinzen Akiska und Erivan und östlich durch Daghestan und Schirvan und Kaukasus-Züge vom kaspischen Meere geschieden. Klima, Landesphysiognomie mit wilden Bergen und blühenden Thälern erheben die Gegend von Tiflis zu einer der schönsten in der Welt. Baumwolle, Flachs, Weizen, Hirse, Reis, Hanf u. s. w. wachsen in Fülle ohne besondere Arbeit der Menschenhand, während um das türkische Hauptlager in Armenien die Natur sich den trägen Bewohnern verschließt. Die Berge von Georgien strotzen um Tiflis herum vom herrlichsten Waldwerk und der wildwachsende Wein reift die Fülle von Trauben. Ein schöner Fluß, Kur, durchschlängelt und befruchtet das Land. Die Georgier gelten als das mächtigste Volk am Kaukasus, obgleich sie in Sittenverfall den Persern gleich kommen. Die Georgerinnen sind als die schönsten aller kaukasischen Schönheiten anerkannt. Der Markt von Constantinopel wird hauptsächlich von hier aus über Trebisond versehen. Der Adel des Landes herrscht unbeschränkt über Eigenthum und Leben seiner Vasallen und Sclaven.

Georgien gehörte bis zu Alexander dem Großen zu Persien, wurde dann selbständiger Staat unter türkischem oder persischem Schutze, bis es 1576 unter beide Mächte getheilt ward, obwohl ihm der Form nach ein Souverain blieb. Dieser bat 1586 schon um – russischen Schutz. – Rußland baute eine Stadt am Terek auf der andern Seite des Kaukasus, um dieser Bitte nachzukommen. Obwohl nun Georgien seit 1735 zu Persien gehörte, wußte

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verschiedene: Die Gartenlaube (1854). Ernst Keil, Leipzig 1854, Seite 252. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1854)_252.jpg&oldid=- (Version vom 31.7.2018)